Der ermordete Dichter

 

 

Zu Der ermordete Dichter von Meinolf Reul

»Der ermordete Dichter« (»Le Poète assassiné«) erschien im Oktober 1916 als erste von insgesamt sechzehn Erzählungen des gleichnamigen Bandes, der die Rückkehr des Autors auf die literarische Bühne begleitete – erst im Mai desselben Jahres war bei ihm eine Trepanation vorgenommen worden.

Apollinaire gibt hier in umfassender, aber geraffter Form einen selbstmystifikatorischen Bildungskurzroman. Die Lebens- und Passionsgeschichte des Dichters Croniamantals trägt auch Züge einer Heiligenlegende, wenngleich im siebenten Kapitel (»Geburt«) klargestellt wird, dass »kein Heiliger des Paradieses« diesen Namen trage. Croniamantal ist der ermordete Dichter; die Großschreibung »Poète« im Originaltitel weist aber darauf hin, dass die Vernichtung (auch) der Gestalt des Dichters allgemein gilt: »Wie Orpheus stand allen Dichtern ein tragisches Ende bevor.«

Es wäre wohl naheliegend, bei Apollinaire nach Anzeichen einer Adaptation des Kubismus zu suchen, ist er doch als Kunstkritiker einer der ersten Verteidiger Picassos gewesen – in dieser Erzählung als »Vogel aus Benin« präsent –, mit dem er auch freundschaftlich verbunden war. Eine Beeinflussung durch den Futurismus, insbesondere durch die Bildhauerei Umberto Boccionis, erscheint mir im Falle des »Ermordeten Dichters« allerdings plausibler. So wie dieser für seine Plastiken (von denen sich leider nur weniger erhalten haben) auf eine Vielzahl eher untypischer Materialien zurückgriff, Holz, Eisen, Glas, Federn etc., montiert Apollinaire eine polymateriale Assemblage aus unterschiedlichen Textsorten, die sich oft weit vom überkommenden narrativen Duktus des 19. Jahrhunderts entfernt und mit Versen, Liedern, Dialogszenen, Anekdoten, Zeitungsartikeln und Inschriften angereichert ist.

Diese Elemente eines literarischen Spiels oder Puzzles treten in »Verfolgung« und »Ermordung« gegenüber früheren Kapiteln wieder mehr in den Hintergrund. Der Charakter der Erzählung bleibt nahe einer Chronik – gemäß dem sprechenden Namen des Helden –, mit groteskem Einschlag. Das Lachen bleibt einem freilich, in Anbetracht der Pogromstimmung, die Apollinaire beschreibt, und dem Wissen um die Ketzerverbrennungen und Autodafés aller Zeiten, im Halse stecken.

Horace Tograth, der selbsternannte Volkstribun, der die Welt von der Poesie ›befreien‹ will, ist ein Muster des Protofaschisten.

Bei diesen wenigen Hinweisen mag es für dies Mal bleiben. Nur dies noch:

Die Erzählung ist schon einmal, 1967, auf Deutsch erschienen, unter dem Titel »Der gemordete Dichter«. Walter Widmer war damals der Übersetzer.

Als Guillaume Apollinaire, geschwächt durch eine Kopfverletzung, die er sich im Krieg zugezogen hatte, am 9. November 1918 an den Folgen der Spanischen Grippe starb, hallte es auf den Pariser Straßen: »À bas Guillaume!«. – Die Rufe galten natürlich nicht dem Dichter der Alcools und Calligrammes, sondern dem deutschen Kaiser Wilhelm II.

 

 

 

 

Zwei Kapitel aus »Der ermordete Dichter« von Guillaume Apollinaire

 

XVI. VERFOLGUNG

 

In jener Zeit wurden täglich Literaturpreise vergeben. Tausende von Vereinen waren zu diesem Zweck ins Leben gerufen worden, und ihre Mitglieder lebten üppig davon, dass sie an einem bestimmten Tag Geld unter die Dichter brachten. Aber der 26. Januar war der Tag, an dem die größten Vereine, Gesellschaften, Kuratorien, Akademien, Komitees, Jurys usw. usw. in der ganzen Welt den von ihnen gestifteten Preis verliehen. An jenem Tag wurden 8019 Literaturpreise im Wert von insgesamt 50.003.225,75 Franc verliehen. Da andererseits das Verständnis für die Dichtkunst in keiner Bevölkerungsklasse irgendeines Landes Fuß gefasst hatte, war die öffentliche Meinung sehr gegen die Dichter eingenommen, die als faul, unnütz usw. bezeichnet wurden. Der 26. Januar jenes Jahres verlief ohne Zwischenfälle, aber am darauffolgenden Tag brachte die große französischsprachige Zeitung La Voix  aus Adelaide (Australien) einen Artikel des gelehrten Agrochemikers Horace Tograth (einem aus Leipzig stammenden Deutschen), dessen Entdeckungen und Erfindungen mehr als einmal einem Wunder gleichgekommen waren. Der Artikel enthielt unter der Überschrift Der Lorbeer eine Art Kulturgeschichte des Lorbeers in Judäa, Griechenland, Italien, Afrika und der Provence. Der Autor gab Ratschläge für diejenigen, die in ihrem Garten Lorbeersträucher hatten, wies auf die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des Lorbeers in Ernährung, Kunst und Dichtung hin, und auf seine Rolle als Symbol dichterischen Ruhms. Er kam auf die Mythologie zu sprechen, streifte die Sage von Apollo und Daphne. Am Ende schlug Horace Tograth unvermittelt eine andere Tonart an und beendete seinen Artikel folgendermaßen:

»Und dann, ich sage es in aller Offenheit, dieser unnütze Baum ist noch zu gewöhnlich, und wir haben weniger ruhmreiche Symbole, denen die Völker die berühmte Würze des Lorbeers zuschreiben. Die Lorbeerbäume nehmen auf unserer überbevölkerten Erde zu viel Raum ein, die Lorbeerbäume sind es nicht wert, dass sie leben. Jeder von ihnen nimmt zwei Menschen den Platz an der Sonne weg. Fällen sollte man sie und ihre Blätter fürchten wie ein Gift! Vor kurzem noch ein Symbol der Dichtung und Literaturwissenschaft, sind sie heute nur mehr das Symbol eines Sauregurkenruhms, der sich zum wahren Ruhm verhält wie der Tod zum Leben und die Ruhmeshand zum Schlüssel.

»Der wahre Ruhm hat die Dichtung der Wissenschaft, Philosophie, Akrobatik, Philantropie, Soziologie usw. geopfert. Die Dichter taugen heute nur noch dazu, Geld einzustreichen, das sie überhaupt nicht verdient haben, weil sie nämlich kaum arbeiten, und weil die meisten (ausgenommen die Kabarettisten und ein paar andere) völlig untalentiert sind und folglich überhaupt keine Entschuldigung haben. Diejenigen aber, die über eine gewisse Begabung verfügen, sind noch gefährlicher, denn wenn sie auch nichts einstreichen und nichts bewegen, so machen sie doch jeder allein mehr Krach als ein ganzes Regiment und jammern uns die Ohren voll, dass ein Fluch auf ihnen laste. All diese Leute haben keine Existenzberechtigung mehr. Ihnen Preise zu verleihen bedeutet Diebstahl an den Arbeitern, Erfindern, Gelehrten, Philosophen, Akrobaten, Philantropen, Soziologen usw. Die Dichter müssen verschwinden! Lykurgus hatte sie aus der Republik verbannt, man muss sie aber von der Erde verbannen! Andernfalls werden sich die Dichter, diese abgefeimten Faulenzer, als unsere Fürsten aufspielen, werden, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen, von unserer Hände Arbeit leben, werden uns unterjochen und uns verlachen. Mit einem Wort, wir müssen uns schnellstens von der Tyrannei der Dichter befreien.

»Wenn die Republiken und Könige und Nationen nicht aufpassen, dann wird die überprivilegierte Dichterrasse in einem solchen Maße und mit einer derartigen Geschwindigkeit wachsen, dass binnen kurzem jedem die Lust vergehen wird zu arbeiten, Erfindungen zu machen, zu lernen, nachzudenken, Wagnisse einzugehen, die Leiden der Menschheit zu bekämpfen und ihr Los zu verbessern.

»Es muss also unverzüglich gehandelt werden, damit wir uns von dieser Dichterplage kurieren, von der die Menschheit befallen ist.«

Dieser Artikel wirbelte viel Staub auf. Er wurde überallhin telegraphiert, telefonisch weitergegeben, von den Zeitungen nachgedruckt. Einige Literaturzeitschriften fügten dem Artikel spöttische Bemerkungen über den Gelehrten hinzu, man zweifelte an seinem Geisteszustand. Man lachte darüber, dass ihm der Dichterlorbeer so viel Angst einzujagen schien. Die Nachrichten- und Handelsblätter maßen der Warnung hingegen große Bedeutung bei. Sie waren von der Genialität des Artikels in La Voix überzeugt.

Der Artikel des Gelehrten Horace Tograth war ein einzigartiger, bewundernswerter Vorwand, um den Hass auf die Dichtung kundzutun. Der Vorwand war poetisch. Der Artikel des Gelehrten aus Adelaide beschwor die Herrlichkeit der Antike – die Erinnerung daran liege in jedem edlen Gemüt bewahrt – und appellierte an den bewahrenden Sinn der Menschen. Darum waren fast alle Leser Tograths hingerissen und erschreckt und wollten die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, den Dichtern Schaden zuzufügen, die wegen der hohen Zahl von Preisen, die man ihnen zugute kommen ließ, von allen Klassen der Gesellschaft beneidet wurden. Die meisten Zeitungen schlossen mit der Forderung an die Regierungen, Maßnahmen zu ergreifen, damit wenigstens die Lyrikpreise abgeschafft würden.

Am Abend veröffentlichte der Agrochemiker Horace Tograth in einer anderen Ausgabe von La Voix einen weiteren Artikel, der ebenso wie der erste telephonisch oder telegraphisch überall Verbreitung fand und die Erregung in der Presse, in der Öffentlichkeit und bei den Regierenden aufs höchste steigerte. Der Gelehrte beendete seine Ausführungen folgendermaßen:

»Welt, wähle zwischen deinem Leben und der Dichtung: wenn man keine ernsthaften Maßnahmen gegen sie ergreift, ist es vorbei mit der Kultur. Du wirst nicht zögern. Morgen wird das neue Zeitalter beginnen. Es wird keine Dichtung mehr geben, die Lyren, die zu schwerfällig sind für die alten Inspirationen, werden zerschlagen werden. Man wird die Dichter niedermetzeln.«

 

*

 

Nachts war das Leben in allen Städten des Erballs gleich. Die Extrablätter der Lokalzeitungen, die den Artikel nachdruckten – via Telegraph war er überall verbreitet worden – fanden reißenden Absatz. Überall teilte das Volk die Ansicht Tograths. Die Tribune gingen auf die Straße, mischten sich unter die Menge und stachelten sie an. Übrigens noch in derselben Nacht traf die Mehrzahl der Regierungen Entscheidungen, deren nach und nach per Aushang bekanntgemachter Text in den Straßen eine unbeschreibliche Begeisterung hervorrief. Frankreich, Italien, Spanien und Portugal erließen als erste die Verordnung, wonach die auf ihrem Territorium lebenden Dichter so bald wie möglich eingesperrt werden sollten, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden wäre. Die ausländischen oder sich im Ausland aufhaltenden Dichter, die versuchen sollten, in diese Länder einzureisen, riskierten die Todesstrafe. Man telegraphierte, dass die Vereinigten Staaten von Amerika verordnet hätten, jeden allgemein bekannten Dichter auf den elektrischen Stuhl zu bringen. Man telegraphierte außerdem, dass in Deutschland verfügt worden war, die auf dem Hoheitsgebiet des Deutschen Reichs lebenden Vers- und Prosadichter bis auf weiteres unter Hausarrest zu stellen. Tatsächlich ergriffen in dieser Nacht und auch noch am darauffolgenden Tag fast alle Länder des Globus, selbst die, die nur schlechte kleine Barden bar jeder dichterischen Sprache hatten, Maßnahmen gegen die Dichter und gegen den bloßen Namen des Dichters. Nur zwei Länder beteiligten sich nicht daran: England und Russland. Diese improvisierten Gesetze traten sofort in Kraft. Alle Dichter, die sich auf französischem, italienischem, spanischem und portugiesischem Gebiet aufhielten, wurden am nächsten Tag festgesetzt. Einige Literaturzeitschriften erschienen mit schwarzer Umrandung und beklagten den neuen Terror. Mittags eintreffende Depeschen meldeten, dass der große schwarze haitianische Dichter Aristénète Sud-Ouest  am Morgen in Stücke geschnitten und von einem sonnentrunkenen Pöbel aus Schwarzen und Mulatten im Blutrausch aufgefressen worden war. In Köln hatte die Kaiserglocke die ganze Nacht hindurch gedonnert, und am Morgen, als Prof. Dr. Stimmung, Autor eines Mittelalterepos’ in achtundvierzig Gesängen, das Haus verließ, um den Zug nach Hannover zu erreichen, verfolgte ihn eine Gruppe von Fanatikern, schlug auf ihn ein und schrie: »Tod dem Dichter!«

Er hatte sich in den Dom geflüchtet, wo sich zu dieser Zeit nur einige Küster aufhielten. Der entfesselte Mob der Drickes, Hannes und Marizibills hielt sie dort gefangen. Diese letzten vor allem ließen nicht von ihm ab und riefen auf Kölsch die heilige Jungfrau, die heilige Ursula und die heiligen drei Könige an, während sie sich einen Weg durch die Menge boxten. Ihre Vaterunser und frommen Gebete wechselten ab mit Beleidigungen von bemerkenswerter Niedertracht gegen den Professoren-Dichter, der seinen Ruf vor allem der Eingeschlechtlichkeit seines Lebenswandels verdankte und sich nun, halb tot vor Angst, unter die große hölzerne Figur des heiligen Cristophorus kauerte. Er hörte, wie die Maurer die Domausgänge zumauerten und bereitete sich darauf vor, Hungers zu sterben.

Gegen zwei Uhr telegraphierte man, dass in Neapel ein Kirchendiener, der auch Dichter war, gesehen hatte, wie sich das Blut des heiligen Januarius in der Ampulle verflüssigte. Der Kirchendiener war mit der Wunderbotschaft auf die Straße gelaufen und dann zum Hafen geeilt, um Mora zu spielen. Er stach alle aus – und wurde erstochen.

Den ganzen Tag über trafen Telegramme ein, die die Festnahme von Dichtern meldeten. Gegen vier Uhr kam die Nachricht von der Hinrichtung der amerikanischen Dichter auf dem elektrischen Stuhl.

In Paris organisierten einige junge Dichter der Rive gauche, die – da vollkommen unbekannt – verschont geblieben waren, eine Kundgebung, die von der Closerie des Lilas zur Conciergerie führte, wo der Dichterfürst eingesperrt war.

Militär marschierte auf, um die Demonstration aufzulösen. Die Reiterei lud die Gewehre. Die Dichter waren bewaffnet und verteidigten sich. Das alles geschah aber unter den Augen des Volkes, das bei der Schlägerei kräftig mitmischte. Man erwürgte die Dichter und jeden, der sich zu ihrem Verteidiger erklärte.

So begann die Verfolgung, die sich rasch über die ganze Welt verbreitete. In Amerika, wo die berühmten Dichter bereits auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet worden waren, lynchte man alle schwarzen Sänger und noch viele weitere, die in ihrem ganzen Leben noch nie ein Lied geschrieben hatten; dann stürzte man sich auf die weißen Vertreter der literarischen Bohème. Es wurde auch bekannt, dass Tograth, der selbst die Verfolgung in Australien angeführt hatte, sich in Melbourne eingeschifft hatte.   

 

XVII. ERMORDUNG

 

Wie Orpheus stand allen Dichtern ein tragisches Ende bevor. Überall waren die Verlage geplündert und die Gedichtbücher verbrannt worden. In jeder Stadt hatte es Massaker gegeben. Horace Tograth war der Mann der Stunde. Ihm, der von Adelaide (Australien) aus den Sturm entfesselt hatte und die Dichtung für immer zerstört zu haben schien, schlug die Bewunderung der ganzen Welt entgegen. Die Kenntnisse dieses Mannes, so erzählte man sich, grenzten an ein Wunder. Er vertrieb die Wolken oder führte ein Gewitter herbei, ganz wie er wollte. Die Frauen, kaum dass sie ihn sahen, fielen ihm zu Füßen. Im übrigen verschmähte er weder weibliche noch männliche Jungfräulichkeit. Als Tograth erfuhr, welche Begeisterung er in der ganzen Welt hervorgerufen hatte, kündigte er an, alle Hauptstädte des Globus besuchen zu wollen. Doch erst sollte Australien von seinen Erotikern oder Elegikern befreit werden. In der Tat hörte man einige Zeit später von der Raserei, die der Besuch des infamen Deutschen Tograth unter der Bevölkerung von Tokyo, Peking, Jakutsk, Kalkutta, Kairo, Buenos Aires, San Francisco und Chicago auslöste. Seine Wundertaten – er selbst sprach von Wissenschaft – umgaben ihn mit der Aura des Übernatürlichen. Dies und seine außergewöhnlichen Heilerfolge steigerten seinen Ruf als Gelehrter und sogar als Wundertäter ins Unermessliche.

Am 30. Mai ging Tograth in Marseille von Bord. Die Bevölkerung drängte sich auf den Quais. Tograth kam vom Passagierdampfer aus in einer Schaluppe herangerudert. Sowie er gesichtet wurde, mischten sich die Schreie, das Gekreisch und die »Vivat«-Rufe unzähliger Kehlen in das Brausen des Windes, der Wellen und der Schiffssirenen und ließen es zu Orkanstärke anschwellen. Tograth, von hagerer Gestalt, stand in der Schaluppe wie eine Eins. Je mehr sie sich näherte, desto besser waren die Gesichtszüge des Helden zu erkennen. Sein kinnloses Gesicht war glatt und an der Stelle des Bartwuchses von bläulicher Farbe, sein fast lippenloser Mund wie ein breiter Schmiss darübergezogen, was ihm das Aussehen eines Haifischs gab. Darüber die aufwärts gebogene Nase mit großen Nasenlöchern. Die Stirn gerade, sehr hoch, sehr breit. Tograths Anzug war weiß und sehr enganliegend; seine ebenfalls weißen Schuhe hatten hohe Absätze. Er war barhäuptig. Als er seinen Fuß aufsetzte, gab es auf den Quais einen Begeisterungssturm mit dreihundert erstickten, niedergetrampelten oder zerquetschten Toten. Einige Männer hoben den Helden auf ihre Schultern und trugen ihn unter dem Blumenregen der Frauen her durch Gesang und Geschrei hin zum Hotel, wo man Zimmer für ihn hergerichtet hatte; am Eingang standen die Direktoren, Dolmetscher und Schaulustigen Spalier.

 

*


Am selben Morgen war Croniamantal, von Brünn kommend, in Marseille eingetroffen, auf der Suche nach Tristouse, die sich dort seit dem Vorabend mit Paponat aufhielt. Alle drei hatten sich unter die Menge gemischt, die Tograth vor seinem Hotel zujubelte.

»Glückliche Raserei, sagte Tristouse. Sie sind kein Dichter, Paponat, Sie haben Dinge gelernt,  unendlich wertvoller als die Dichtung. Nicht wahr, Paponat, Sie sind überhaupt kein Dichter!?«

– In der Tat, meine Liebe, antwortete Paponat, ich habe Gedichte spaßeshalber geschrieben, aber ich bin kein Dichter. Ich bin ein ausgezeichneter Geschäftsmann, niemand versteht es besser als ich, ein Vermögen zu verwalten.

– Schicken Sie gleich heute abend einen Brief an La Voix in Adelaide, schreiben Sie denen das alles, dann sind Sie sicher.

– Mach ich, sagte Paponat. Hat man sowas schon gehört: Dichter?! Wenn Croniamantal einer sein will, bitte!

– Ich hoffe sehr, sagte Tristouse, er wird in Brünn abgeschlachtet, wo er dachte, uns zu finden.

– Aber da ist er ja! sagte Paponat leise. Da in der Menge! Er versteckt sich, er hat uns nicht gesehen.

– Wenn man ihn gleich hier umbringen würde! sagte Tristouse seufzend. Ich hab das Gefühl, bald ist es soweit.

– Schauen Sie, sagte Paponat, da ist der Held.«

 

*

 

Der Festzug, der Tograth begleitete, kam vor dem Hotel an, dort setzte man den Agronomen ab. Tograth drehte sich zur versammelten Menge und sprach:

»Marseillais! Ich könnte, um euch zu danken, große Worte gebrauchen – größer als eure berühmten Sardinen. Ich könnte eine lange Rede halten. Aber diese Worte wären doch nichts gegen den großartigen Empfang, den ihr mir bereitet habt. Ich weiß, dass einige von euch Leiden haben, die ich lindern kann – dank der Wissenschaft –, nicht nur meiner eigenen, sondern auch der, die die Gelehrten in Jahrtausenden angehäuft haben. Lasset die Kranken zu mir kommen, ich will sie heilen.«

Ein Mann, dessen Schädel kahl wie eine Billardkugel war, rief:

»Tograth! Menschengott! Höchstgelehrter Allmächtiger! Gib, dass ich wieder volles Haar habe!«

Tograth lächelte und sagte, man solle den Mann durchlassen, dann berührte er den blanken Schädel und sprach:

»Dein taubes Gestein wird sich mit einer üppigen Vegetation bedecken, aber erinnere dich an diese Wohltat und lerne den Lorbeer für immer hassen.«

Zugleich mit dem Kahlen war ein Mädchen nach vorne gekommen. Sie flehte Tograth an:

»Lieber Mann, lieber Mann, sieh meinen Mund, mein Freund hat mir die Zähne ausgeschlagen. Gib, dass ich wieder alle Zähne habe!«

Der Gelehrte lächelte, schob dem Mädchen einen Finger in den Mund und sprach:

»Jetzt kannst du wieder richtig beißen, du hast prächtige Zähne! Zeig dich nun erkenntlich und lass mich sehen, was du in deiner Handtasche hast.«

Das Mädchen lachte und zeigte blitzende neue Zähne. Nachdem es den Mund aufgemacht hatte, machte es die Handtasche auf und sagte entschuldigend:

»Komisch, so vor den Leuten … Das sind meine Schlüssel, das eine Photographie von meinem Freund … auf Emaille. Er sieht aber besser aus.«

Etwas hatte Tograths Augen aufblitzen lassen. Er hatte einige zusammengefaltete, auf Wiener Melodien zu singende Pariser Chansons entdeckt. Er besah sie sich und sagte:

»Das sind nur Chansons. Hast du keine Gedichte?

– Ich hab sogar ein sehr hübsches, sagte das Mädchen, der Laufbursche vom Victoria hat es für mich gemacht, bevor er in die Schweiz ist. Aber ich habe es Sossi nicht gezeigt.«

Sie reichte Tograth ein kleines rosa Blatt mit diesem jämmerlichen Akrostichon:

 

Meine angebetete Liebste! Bevor ich fortgeh,

Ach, und unsere Liebe schiefgeht, Maria,

Röchel und stirb, mein Lieb, ein Mal, ein Mal,

Ins Wäldchen lass uns gehen, als Frau und Mann,

Auf dass ich glücklich scheiden kann.

 

»Nicht genug, dass es ein Gedicht ist, sagte Tograth, es ist auch noch idiotisch.«

Er zerriss das Papier und warf es in die Gosse. Das Mädchen klapperte vor Angst mit den Zähnen und beteuerte mit schreckstarrem Gesicht:

»Lieber Mann, lieber Mann, ich wusste nicht, dass es was Schlechtes war.«

Da ging Croniamantal auf Tograth zu und fauchte die Menge an:

»Gesindel ihr! Ihr Mörderpack!«

Man lachte ihn aus. Jemand rief:

»Taucht ihn ins Wasser, den Trottel!«

Tograth fasste Croniamantal ins Auge und sagte:

»Mein Freund, empören Sie sich doch nicht über diesen Auflauf! Ich liebe den Pöbel, auch wenn ich in Hotels absteige, in denen er nicht verkehrt.«

Der Dichter ließ Tograth ausreden, dann wandte er sich abermals an die Menge:

»Gesindel! Spottet nur, eure Freuden sind gezählt, man wird sie euch eine nach der anderen ausreißen. Weißt du überhaupt, Pöbel, was du da feierst?«

Tograth lächelte. Die Menge war aufmerksam geworden. Der Dichter fuhr fort:

»Du feierst die Langeweile, Pöbel, die Langeweile, die das Unglück gebiert.«

Bass erstaunt schrien alle auf. Einige Frauen bekreuzigten sich. Tograth wollte sprechen, doch Croniamantal packte ihn barsch am Hals, warf ihn zu Boden und setzte einen Fuß auf seine Brust. Dabei sprach er:

»Dein Held ist die Langeweile und das Unglück, das menschenfeindliche Ungeheuer, der schmierige und schmutzige Leviathan, der in Unzucht, Schändung und dem Blut der wunderbaren Dichter sich suhlende Behemoth. Er ist das Speien der Antipoden. Von seinen Wundern lassen sich die Hellsichtigen nicht täuschen, so wenig wie sich die Apostel von den Mirakeln von Simon dem Magier beeindrucken ließen. Marseillais! Marseillais! Ihr, deren Vorfahren aus dem wahrhaft dichterischsten aller Länder gekommen sind, warum habt ihr euch mit den Feinden der Dichter gemein gemacht, mit den Barbaren aller Nationen? Das merkwürdigste Wunder dieses Deutschen aus Down Under – kennt ihr's? Dass er der Welt imponiert hat, dass er einen Moment lang stärker gewesen ist als das Schöpferische selbst: die unvergängliche Dichtung.«

Tograth, der sich hatte befreien können, richtete sich auf, verdreckt von Staub und tobend vor Wut.        

Er fragte: 

»Wer bist du?« 

Und die Menge schrie:

»Wer bist du? Wer bist du?«

Der Dichter wandte sich nach Osten und sprach mit begeisterter Stimme:

»Ich bin Croniamantal, der größte lebende Dichter. Ich habe oft Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut. Ich habe dem göttlichen Glanz standgehalten; meine Menschenaugen milderten ihn. Ich habe die Ewigkeit gelebt. Doch nun ist die Zeit meiner Wiederkunft da, und so richte ich mich vor dir auf.«

Tograth lachte bei diesen letzten Worten schrecklich auf. Die ersten Reihen der Menge, die Tograth hatten lachen sehen, lachten ebenfalls, und das Lachen mit seinen koloraturenhaften Spitzentönen, Läufen und Trillern griff bald auf den ganzen Pöbel über, auf Paponat und auf Tristouse Ballerinette. Alle diese offenen Münder waren gegen Croniamantal gekehrt und brachten ihn ins Wanken. Inmitten des Gelächters wurden Rufe laut:

»Ins Wasser mit dem Dichter! … Ins Feuer mit Croniamantal! … Werft ihn den Hunden zum Fraß vor, den Liebhaber des Lorbeers!«

Ein Mann aus der ersten Reihe schwang einen dicken Knüppel, mit dem er Croniamantal einen Schlag versetzte. Dieser zog vor Schmerz eine Grimasse, was die Menge noch mehr zum Lachen brachte. Ein geschickt geworfener Stein traf den Dichter an der Nase, aus der das Blut hervorschoss. Eine Fischverkäuferin bahnte sich einen Weg durch die Menge; sie stellte sich vor Croniamantal hin und sagte:

»Pfui, schäm dich, du Spitzel! Ich kenn dich. Armer Irrer! Du bist ein Polizist, der Dichter geworden ist. Mistkerl! Schwindler, verdammter! Da!«

Sie verpasste ihm eine schallende Ohrfeige und spuckte ihm ins Gesicht. Der Mann, den Tograth von seiner Kahlköpfigkeit geheilt hatte, trat hinzu und sagte:

»Sieh, meine Haare! Ist das vielleicht kein Wunder, hm?!«

Er hob seinen Stock und stieß damit so gewandt zu, dass er genau ins rechte Auge traf. Croniamantal fiel hintenüber, einige Frauen stürzten sich auf ihn und begruben ihn unter ihren Schlägen. Tristouse trampelte vor Freude, Paponat versuchte sie zu beruhigen. Schon wollte sie mit der Spitze ihres Regenschirms Croniamantal das andere Auge ausstechen. Dieser sah sie und rief im selben Moment:

»Ich bekenne meine Liebe für Tristouse Ballerinette, die göttliche Dichtung, die meine Seele tröstet.«

Aus der Menge heraus schrien Männer:

»Halt’s Maul, Dreckskerl! Vorsicht die Damen!«

Die Frauen traten schnell zur Seite. Ein Mann, der in seiner offenen Hand ein großes Messer wiegte, warf es so, dass es Croniamantal in den offenen Mund traf. Andere Männer taten es ihm nach. Die Klingen bohrten sich in Bauch und Brust des Leichnams und staken darin wie die spitzigen Stacheln einer Seekastanie.