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Etwas aus Worten, aus anderen / nicht
Im Gerippe der Neon-Installationen, die nicht mehr leuchten, fehlen inzwischen ein paar Buchstaben, und was als Lichtquadrate unter Glas in den Boden eingelassen war, in dieser Wohnanlage mit ihren schrägen Verhauen aus Betonstreben, Balkonen, niedrigen Durchgängen und ein paar Schaufenstern, ist unlesbar geworden, das Glas blind gekratzt und von Kondenswasser zerperlt. Eigentlich kam ich von einem Friedhof in der Nähe, einem Januarspaziergang über spiegelnde Eisflächen, die Grabsteine halb im Schnee versunken, die meisten davon keine dreißig Jahre alt, Ella Krause 12.11.1918 – 23.8.1985 UNVERGESSEN, und der kanariengelbe Zettel darüber, NUTZUNGSRECHT ABGELAUFEN. BITTE IN DER FRIEDHOFSVERWALTUNG VORSPRECHEN. Plötzlich hatte ich mich an den Eröffnungsempfang erinnert, vor sieben?, acht? Jahren, Sekt und Häppchen in der Bäckerei, nur ein paar Straßen weiter. Erst erkannte ich den Eingang kaum. Hatte da nicht LITERATUR PASSAGE gestanden, über Kopfhöhe auf asymmetrischen Blechwinkeln? Doch, die Blechwinkel noch zu sehen, die Verkabelung der Schriftzüge, verschiedene Texte in unvollständigen Zwei-, Drei-, Vierzeilern. Das waren die Überreste der Lichtkunstobjekte, jetzt ohne Licht, mit denen die Kapitalgesellschaft damals ihren Mietern eine qualitative Aufwertung ihres Quartiers versprochen hatte, in hochrangiger Architektur, wie der Prospekt oder Katalog sie nannte. Im Innenhof unversehrt die Tafel mit dem Lageplan. Darauf der Grundriß des langgestreckten, verschachtelten Hofdurchgangs und die Markierungen für jedes Objekt. Januarkälte. Nachmittagsstille. Jemand kommt aus dem Kellereinstieg herauf, mustert mich abweisend. Am höchsten Punkt der Anlage der Schriftzug KALLE und sein Versteck: Die Öffentlichkeit -, auf der Dachkante eines Gebäudeteils, der in den Hof ragt wie ein Schiffsbug. Adolf Endler, noch nicht posthum. Der Kellereinstieg von einem Glaskasten überbaut, farbige Transparentfolien mit einer Wortcollage von Ulrike Draesner: Am I an Image for U. Ich stehe unter meinem eigenen Blechwinkel, sehe den Mann in einer Haustür verschwinden, neben der drei Stockwerke hinaufreichenden LED-Stele, auf der einmal senkrechte Silben von Oskar Pastior auf- und niederliefen. Lebte damals auch noch. Bei den Eröffnungsreden hatten dann unsere Mieter eher mißtrauisch von den Balkonen herabgestarrt auf das Ansinnen, diese in ihrem Wohnblock applizierten Gedichte von zwanzig in Berlin lebenden, überwiegend sehr renommierten Dichterinnen und Dichtern als ur-urbanes Element städtischer Lebensqualität zu empfinden. Alles, bevor später die Kapitalgesellschaft in Konkurs ging und die Hauptgesellschafter zu Gefängnis verurteilt wurden. Ur-urban. Darauf muß man erstmal kommen.
Sehr kalte Zehen, sehr kalter Beton. Die Zehen wünschen sich längst wieder nachhause, in das Zimmer nebenan, in dem die Bücher des Linguisten wohnen und sein hellwaches Gehör. Wie mühelos wir uns treffen, wenn es um die anthropologischen Grundlagen der Sprache geht, mühelos einig, daß homo sapiens sapiens als dichtendes Tier gelten kann und in der Poesie sich die elementaren Fähigkeiten der menschlichen Spezies verkörpern. Danach wird es bald unübersichtlich, seine Interessen zweigen ab in arkanere Gebiete der Ethnologie, Phonologie, Kognitionsforschung, aus denen auf mich noch ein paar Funken überspringen, während er, ganz im Vorbeigehen, aus den Neuköllner Straßenklängen seine Spekulationen über die Wortbildungen, Syntaxregeln, regionalen Akzente von einem Dutzend Sprachen ableitet, und noch zu den entlegensten Schauplätzen im flüchtigen Fokus der globalen Nachrichtenströme kann er aus seiner Bibliothek eine vergilbte Monographie hervorziehen, in der ein Missionar, ein Kolonialbeamter, ein Feldforscher sich an Vokabular und Grammatik einer lokalen, vielleicht längst ausgestorbenen Überlieferung versucht haben. Die Funken reichen aus, um mit einer gewissen Andacht ins Allgemeine und Grundsätzliche zu denken. Erst mit der Sprache, sage ich mir dann, begann in den Tiefen der Evolution die Entwicklung von menschlichem Denken und Bewußtsein. Jedes Kind, noch heute, erlernt die unfaßbar komplexen Operationen menschlicher Kognition mit denselben phylogenetischen Mitteln wie vor Zehntausenden von Jahren. Mit anderen Arten teilen wir die natürliche Umwelt, die Anfänge der sozialen Intelligenz, den Gebrauch von Werkzeugen. Aber im Spracherwerb wiederholt sich die irreduzible Wechselwirkung von Form und Bedeutung, in der Metapher und Metonymie, Klangzauber, Rhythmus, Sprachspiel und Evokation uns die Welt zugänglich machen, begreiflich und unbegreiflich zugleich, haltbar und flüchtig, auf Mitteilung aus und doch in keiner endgültigen Auslegung stillzustellen. Seit ihren Anfängen sind Sprache, Denken, Bewußtsein untrennbar verstrickt in Poesie.
Was ist ein Gedicht? – Etwas aus Worten, aus anderen / nicht, biete ich manchmal an, oder den Standardsatz, daß jedes Gedicht seine eigene Poetik habe, was beides der Frage ausweicht, ungewiß, von wem oder wie sie überhaupt zu beantworten wäre. Keine zwei Dichterinnen, keine zwei Dichter arbeiten doch mit genau denselben Antrieben, Referenzen, Versuchsanordnungen. Keine zwei Leserinnen, Zuhörer, Rezipienten nehmen je dasselbe Gedicht auf dieselbe Weise wahr. Natürlich gibt es Implikationen, die sich in so einem Anderthalbzeiler – etwas aus Worten, aus anderen / nicht – öffnen wie Klapptüren. Die Unterscheidung zwischen den Pluralformen Worte und Wörter, zum Beispiel, semantisch versus generisch. Oder die Entschiedenheit, die ich immer stärker dem nicht zuweise, aus anderen / nicht, womit ich ganz und gar nicht meine, es gebe Worte oder Wörter, die von sich aus in kein Gedicht gehören, sondern nur, daß jedes Gedicht mehr Worte und Wörter verwirft als es annimmt, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Gedichte sind überhaupt eigensinnig, das halten wir für ihre conditio sine qua non. Weshalb die Klapptüren, die sich hinter Definitionen (oder Definitionsversuchen) öffnen, andere sind als die, die sich hinter, unter, über Gedichten öffnen. Definitionen führen in Diskurse, Gedichte werweißwohin.
Die Einladung nach Weißensee las ich damals in einem indonesischen Internetcafé, zwischen langen Hin- und Rückflügen von Tropenhitze in Schmuddelwinter in Tropenhitze, das Internetcafé eine winzige klimatisierte Schachtel mit einem Dutzend Computerplätzen, zwischen Garküche und Motorradwerkstatt, Bretterverschlägen links und rechts, bröckelnden Betonfassaden darüber, die Straße ein Geschiebe aus Menschen, Mopeds, Autokühlern, Fahrradtaxis, der Lärm ungedämpft hinter der bläulich abgeklebten Scheibe, Essensgerüche, Abgase durch die weiter oben ausgesparten Luftschlitze. Lichtinstallationen aus Gedichten also, schlug die Einladung vor, halb wie ein Bogenschlag zurück zu in Stein gehauen, in Ton geritzt, den ersten in Schrift fixierten Überlieferungen, die Poesie einst ablösten von Stimme und Gedächtnis, sie bannten in Inschrift, Epitaph, Epigramm, halb ihre Überbietung um den Faktor Neon und LED. Natürlich mangelt es im öffentlichen Raum nicht an schriftlichen Zeichen, von denen noch die banalsten sich unversehens mit poetischer Evidenz aufladen können, RESTPOSTEN WELT sehe ich jedesmal, wenn ich aus der Haustür komme, neben der Kneipe BLACK OUT, der Markise GLÜCKSKÄFER, dem Schild Löschwasserstutzen, aber warum das nicht verstärken, zuspitzen, zurückerobern für heutige Gedichte. Gestaltet von einem professionellen Designteam, innovativ kuratiert von der literaturwerkstatt berlin. Anschlußzüge zur Semiotik, Texttheorie, Rezeptionsästhetik, Stadtentwicklung vom selben Bahnsteig.
Manchmal träume er, sagte neulich der Linguist, es gebe seit Anbeginn der Menschenzeit ein vollständiges Archiv, in dem jede jemals auf Erden gesprochene Sprache aufgezeichnet wäre, jeder Laut, jede Äußerung, jeder Kontext eines Sprechakts, ich fühlte mich erinnert an Borges' Karte des Reiches 1:1, aber ich habe mich schon bei ähnlichen Träumen ertappt, wenn ich mit Google Earth genau auf meinen Balkon hinunterschaute, das Bild zeigt seinen trapezförmigen Umriß, sehr körnig in dieser Auflösung, aber doch genau zu bestimmen, und einen hellen Fleck auf dem Balkon, der durchaus ich selbst sein könnte, das Datum der Aufnahme ist bekannt, die Schatten zeigen die ungefähre Uhrzeit, es wäre möglich – woraus weiter nichts folgt, im nächsten Augenblick werde ich hineingegangen sein, zurück zum Schreibtisch, und die drei Fußgänger unten auf Bürgersteig haben sich weiterbewegt, die Autos auf der Straße sind auf die Ampel zugefahren, haben angehalten oder nicht, die Ampel war grün oder rot; dieser eingefrorene Moment ist als Moment nicht interessant, nur bestimmt durch seine geographische Lage, in Sekundenbruchteilen kann ich jetzt den Blick hochziehen, der Zoom läßt Berlin unter sich zurück, Deutschland, Europa, schon sehe ich uns als winzige Figuration am Rand des asiatischen Kontinents, kann den Globus in jede beliebige Richtung drehen, die halbvergessenen Blicke wiederherstellen, wenn ich während eines Fluges aus dem Fenster schaute, auf die nächtlichen Blitze über dem Hindukusch, ein Gewitter über Kaschmir, die Landebahn in Singapur, und dabei ein Gedicht, irgendeins meiner Gedichte, memorierte für den nächsten Auftritt, bei dem das gedruckte Gedicht nur noch eine Partitur ist für das, was ich, aus einer inneren Notwendigkeit, vor einem anwesenden Publikum aus dem Gedächtnis sprechen muß, obwohl es dieses selbe (oder eben nicht mehr selbe) Gedicht auch auf einer gedruckte Seite gibt, eingefroren wie der helle Fleck auf dem Balkon, ein paar Zeilen also, gedruckt und für immer abgetrennt von allem, was ich darüber wüßte oder nicht wüßte, selbst wenn ich auf anderen Wegen auch noch ihre spezifische Geschichte beisteuern wollte, Vorstufen, Anekdoten, die Prozesse und Kondensationen, die zu jenem bestimmten Gedicht geführt haben, und nun stelle ich mir die Lesenden vor, die vielleicht auf diesen einen hellen Fleck starren wie ich auf die Inseln vor Sumatra, im Anflug auf Soekarno-Hatta, und zoome hoch auf eine Karte aller jemals entstandenen Gedichte, in allen Sprachen der Erde, und müßte natürlich nicht nur die gedruckten Gedichte meinen, sondern auch alle jemals irgendwo im menschlichen Raum-Zeit-Kontinuum entstandenen mündlichen Gedichte, die nur in Rezitation und Wiederholung überliefert wurden, wenn überhaupt: ein Globus der Poesie, der sich dreht und dreht und dreht, durch die Jahrtausende menschlichen Sprechens und Dichtens und Schreibens.
Tatsächlich war ich um diese Zeit in die entgegengesetzte Richtung unterwegs, weg von der hochverdichteten Schriftlichkeit jedenfalls und hinein in den flimmernden Dschungel aus erster und zweiter Oralität, vorwärts oder seitwärts oder zurück in die Praxis des poetischen Sprechens, eine Auseinandersetzung mit Stimme, Atem, Publikum in Echtzeit, den ursprünglichsten Techniken und Bedingungen aller Poesie. Das Schreiben denkt sich diese Bezüge nur noch aus, eingezwängt in die Konventionen des literarischen Diskurses. Ein jahrhundertelanger, schwer faßbarer Übergang von der bloßen Nach- oder Mitschrift, die noch ganz von Diktat und Gehör bestimmt war, zu den allein aus Schrift sich bildenden Gedichten, die von ihrer Textgestalt gar nicht mehr zu trennen sind. Aber was passiert wirklich mit solchen hochverdichteten Zeilen, wenn sie wieder mit Tanz und Musik verknüpft werden, verflüssigt zum Beispiel in einer Überblendung von alten javanischen Theaterformen mit postmodernen Crossover-Ambitionen? Noch flüssiger und flimmernder als das Bühnengeschehen waren allerdings die Organisationsabläufe, die Beschaffung von Zuschüssen und Projektmitteln, die Proben und Reisen in wechselnden Ensemble-Zusammensetzungen, die mäandernde Kommunikation in einem Pidgin aus Englisch, Deutsch, Indonesisch und Body Language, denn auch die Körper hatten noch ihre Idiolekte, die bloßen Stimmklänge, das Essen, die Nelkenzigaretten, die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten von zehn, zwölf, fünfzehn Leuten auf engstem Raum.1
Was mache ich dann hier, in dieser Randzone von Mischbebauung, Gewerbekomplexen, ausgedehnten Kleingartenkolonien? Aus dem Haus getrieben von einer Unruhe, die es drinnen nicht aushielt, eingesperrt wie mit einem fremden Wesen? S-Bahn, Straßenbahn, irgendwie verlief ich mich auf der Suche nach dem See, geriet auf den Friedhof, kam herüber in die Passage. Irgendwas stimmt nicht mit dem Gedankengang, den ich im Sinn hatte. Selbst wenn es wahr wäre, daß ich nachsehen wollte, wie es den Inschriften in der Wohnanlage ergangen ist, dem … Kippen, Klappen … Weissen- / Seelenleben … in Ursula Krechels Lichteck, weiter hinten im Hof, und zurück zum Eingang, mich erinnernd an … von stürmen überdacht / das telefon: zwei zimmer in der nacht … in Jan Wagners erloschenem Neonwinkel. Allein schon, wie dabei das unvollständige Wiederfinden übergeht in ein noch unvollständigeres Zitieren, die Amputation ganzer Zeilen, wenn ich doch beständig von Gedichten so figürlich rede, als wären sie durchaus wesenhafter als bloß etwas aus Worten, aus anderen / nicht –, eher (aber das nur wieder gedacht, und überrumpelt, hier, wenn es sich im Baukörper materialisieren soll): eher also etwas im Raum Schwebendes, durchsichtig, anwesend, dreidimensional, ein pulsierender Schwarm von atmenden, flimmernden Bedeutungen, vom Sprechen wie vom Schreiben gleich weit entfernt.
Du hättest ihn fragen können, sagt plötzlich Senf, die ewige Stimme im Hinterkopf. Den Mieter. Wie es sich so wohnt unter den Gedichten. – Ich habe angefangen, die anderen Texte zwischen den Bodenplatten zu suchen, ein blindes Quadrat und noch eins und noch eins. Hätte ich können, ja. Hätte ich vielleicht sogar sollen. Wer weiß, mit wieviel Cent seiner Miete er diese Wohnwertverschönerung bezahlt, ohne sie bestellt zu haben. Unwahrscheinlich, daß er sich überhaupt für Gedichte interessiert. Oder daß wir über dasselbe reden würden, wenn wir uns tatsächlich darüber unterhielten. Hat er schon in der Schule gehaßt. Komische Wörter, so mit Reim, Vers, Strophe. Auswendiglernen. Gefühle. Könnte man doch einfacher haben. Obwohl, so im Hiphop, mit Musik. Oder mal'n Liebesgedicht, stehen die Frauen total. Neulich, Kumpel zum Geburtstag. War der absolute Brüller. Das kann ich mir in beliebigen Variationen ausdenken, bildungsfern oder bildungsatt, und stünde doch jeweils nach wenigen Denkschritten mit dem Rücken zur Wand, in jener Ecke, in der ich immer die Poesie im Ganzen verteidige, um (wem?) den Einzelfall überhaupt begreiflich zu machen. – Gut, daß du nicht, sagt Senf. Hätte der Mann nicht ahnen können, was ihn da tritt.
Solange es die Idee eines normsetzenden Kanons gab, der (scheinbar) allein nach ästhetischen Kriterien bestimmte, was jeweils in einer Kunstform als state of the art zu gelten hatte, ließen sich auch poetische Spitzenleistungen nach genretypischen Maßstäben hierarchisieren oder ihr ästhetisches Potential in Denkfiguren wie verkannte Außenseiter, neue Stimmen, die Zukunft der Poesie verhandeln, oft in Abgrenzung zu den volkstümlicheren Bedürfnissen eines Publikums, das noch an angeblich abgesunkenen oder überholten Stadien dieser Kunstform festhielt. Es gibt diesen verzweifelten Bescheidwisser-Gestus immer noch (mit dem Rücken zur Wand, auch ich ...), der sich in den Mustern einer systematischen Kritik mit der historischen Herleitung und Einordnung von Dichtung befaßt, spezialisiert auf Vergleiche und Überblicke, aus denen er nicht nur eine Art Artengeschichte der Poesie abliest, sondern auch Regelpoetiken jedweder Ausrichtung, Theorien zu Sinn und Zweck von Poesie überhaupt, ästhetische Anforderungen und Aufgabenstellungen, besagte kanonische Hierarchien, Gegnerschaften und Urteile. Als Gestus hat er sich sogar noch einmal verschärft, glaube ich, in den grenzenlosen Träumen der Diskursanalyse, dieses ins schiere Delirium extrapolierte Archiv von Differenzierungen, Auslegungen, Überschreibungen, die immer neue Ablagerungen produziert, Ableitungen von Ableitungen und Ableitungen von Ableitungen von Ableitungen, bis darin die Idee eines Kanons sich ins gänzlich Absurde verflüchtigt.
Natürlich ist die Hintergrundstrahlung von Kanon und Diskurs nicht verschwunden, aber die Parameter eines state of the art bestimmt heute in praktisch jeder Kunstform ihre Professionalisierung. - Aha, sagt Senf. Vielleicht sagen es auch die Zehen. - Professionalisierung meint nicht nur Business, sage ich. Viel, viel komplexer. Aber, Gedankenspiel: Was, wenn wir Gedichten überhaupt das Potential zu einem Business zutrauten? Die Rede von der sterbenden Gattung verdeckt doch nur, daß bisher niemand einen Weg gefunden hat, sie im eigentlichen Sinne zu kapitalisieren. Es gibt keine (globale) Megaseller- oder Blockbuster-Industrie für Poesie, wie es sie für andere Bereiche der weltweiten Medien- und Unterhaltungskultur(en) gibt, die im ökonomischen Horizont ganz grundsätzlich als Profitquelle mit Millionen- und Milliardenumsätzen in Frage kommen. Natürlich werden Filme, Musik, Fernsehen, Zeitungen, Bücher, bildende Kunst, Theater auch in viel kleineren Märkten und Untermärkten produziert, bis hinab in die Nischen der Off-Szenen und der Subventionsreservate, in denen eher die Umwegrentabilität von Aufmerksamkeitsökonomien gilt als der reine Primat einer endverbrauchergenerierten Rendite. Aber Gedichte, so wie wir sie kennen, gehören in der ubiquitären Marktlogik schlicht nicht dazu. Und das soll keine Folgen haben für den Denkraum der Poesie? In einer Realität, in der wir keine lebensnotwendige Ressource mehr finden können, von der Luft zum Atmen, Wasser, Wohnen, Nahrungsmitteln, Gesundheit bis in jeden Winkel des sozialen und privaten Alltags hinein, ohne dabei dem existenziellen Druck von Kapitalströmen zu unterliegen?
Einmal, erinnere ich mich, geriet die Ankunft der indonesischen Theatergruppe am Bremer Flughafen zur Stummfilmparodie. Hinter der Glasscheibe der Ankunftsschleuse sammelten sich die BGS-Beamten wie Wespen um einen Pflaumenkuchen, erst zwei, dann vier, fünf, sechs, schließlich ein Dutzend, die anfingen, in Walkie Talkies zu sprechen, Gepäckstücke zu öffnen, Theaterrequisiten aus den Koffern zu zerren, fremdartige Instrumente. Die Ankömmlinge, von schwirrenden Uniformen und unverständlichem Deutsch bedrängt, gingen zu pantomimischen Erläuterungen über, die noch mehr Argwohn erregten. Von jenseits der Scheiben gestikulierten wir mit den Begleitpapieren, der offiziellen Einladung des Festivals POETRY ON THE ROAD. Vergeblich, denn unter den Beamten, erfuhren wir später, war niemand, der das Wort poetry verstanden hätte. Im Gegenteil: weil zu den Requisiten auch drei javanische Fischreusen gehörten, fragil-schöne Binsengeflechte, rief einer schließlich in der Bremer Hafenverwaltung an und fragte nach, ob zufällig eine Gruppe indonesischer Seeleute erwartet werde. – So ungefähr.
In der neuen Poetik geht es im Kern gar nicht mehr um das einzelne Gedicht, sondern um die erweiterten Produktionsbedingungen eines dichterischen Prozesses, der längst nicht mehr glaubt, nicht mehr glauben kann, in der gültigen Form des Gedichtkonvoluts zu sich selbst zu kommen. Natürlich war die Vorstellung vom fertigen, in seine eine und einzigartige Gestalt gebannten Gedicht immer schon eine Chimäre. – Hier blinzeln die Fremdkörper ein wenig, scharren mit ihren fußlosen Füßen. – Aber auch die Idee von der straff gespannten Leine zwischen dem poetischen Impuls einer Dichterin, eines Dichters und dem fertigen Gedicht erzeugt folgenreiche Fehlschlüsse. Diese Zurechenbarkeit, die sich in beide Richtungen versteht, als genuiner Schöpfungsakt des Gedichts durch ein (besonderes) Subjekt und die zweite Geburt des Subjekts (als Dichterin, Dichter) durch sein Gedicht. Nichts hat einst diese Fehlschlüsse so befördert wie der Primat der Schrift in allen Dingen, in denen ein Lied schläft oder ein Gott. Nichts verändert sie jetzt so radikal wie der Übergang des Schriftuniversums in die schöne neue Datenwelt. Oder was immer die post-post-postmodernen Verhältnisse eigentlich in Bewegung gesetzt hat, in denen ich gerade herumstehe und bedeutungsvoll friere.
Texte als Installationen im öffentlichen Raum. Die Stimme vor Publikum. Spoken Poetry. Publikum überhaupt, Resonanz, Investitionen in die Resonanz. Die Auseinandersetzung mit den Eigengesetzlichkeiten von Bühne und Performance. Eigensetzlichkeiten überhaupt. Medienexperimente aller Art. Ausfälle in die funktionalen Systeme von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Unterhaltung. – Das soll nun neu sein? Neueste Poetik? Über die bekannten Klimmzüge an den Rändern von Buchmarkt, Eventkultur, Kulturbetrieb hinaus? Von der ästhetischen Kläglichkeit der Klimmzüge oft gar nicht zu reden ... – Aber das ist es ja!, sage ich. Wenn wir keine eigenen Ansprüche, Maßstäbe, Ambitionen für die Klimmzüge entwickeln, ist etwas aus Worten, aus anderen / nicht bloß eine schöne Formel. Durchsichtig. Offen. Leer. Was wir brauchen, ist eine ganz andere Infrastruktur. – Na dann, sagt Senf.
Da stehen wir noch, in diesem Betonverhau in Weissensee, diesem Satzverhau zwischen Kippen, Klippen, Klapptüren, direkt vor dem Lichtkunstobjekt, in dem von Elke Erb zu lesen wäre, unter Schneerest und blindem Glas: … die zehen des riesen sind keine hütten / & wenn er den fuß wieder aufhebt / vergangen –
Der Aufsatz erscheint 2013 in der von Norbert Lange herausgegebenen Anthologie Metonymie. Ein offenes Ohr – Zum Sprechen in geschlossenen Räumen (Verlagshaus J. Frank).
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KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954
