Félix Fénéon - Bulletin

 

Hans Thill

Sein Dandytum war skurril. Er war der erste Mann der »Belle Epoque«, der glatt rasiert durch Paris ging. Seine sprichwörtliche Zurückhaltung, eine From von progressiver Klandestinität, hat er mit anderen kleinen Angestellten der frühen Moderne gemeinsam: Franz Kafka, Fernando Pessoa .. Jean Paulhan, der ihn vor dem Vergessen bewahrte, auf das er es aber vermutlich abgesehen hatte, nannte ihn das Rätsel Fénéon

 

Er war Kritiker der Literatur und Kunst, kleiner Beamter im
Kriegsministerium, Gründer und Redakteur zahlreicher anarchistischer
Zeitschriften, darunter die Revue Blanche. Alfred Jarry nannte ihn: celui qui
silence; das könnte heißen: »der große Schweiger«; oder: »einer, der sich in
die Sache stürzt«.

Legendär sind seine Nachrichten in drei Zeilen, von denen
hier einige zu lesen sind. Legendär ist sein Attentat auf das Hotel Foyot 1894,
bei dem niemand zu schaden kam, außer dem anarchistischen Dichter Laurent
Teilhade, der durch die Explosion ein Auge verlor.

Weil Fénéon die »Propaganda der Tat« wörtlich nahm und
folglich nur die Tat für sich sprechen ließ, konnte ihm diese eine nicht
nachgewiesen werden. Seine Rolle im Prozess der Dreissig erheiterte das
intellektuelle Paris des Jahres 1894.

 

Die »Belle Epoque«, ein Tanz auf den Ruinen der Pariser Commune. In England kämpften die Suffrageten mit Bombenattentaten für Gerechtigkeit. FF publizierte seine Chronik des laufenden Schwachsinns in Le Matin als vermischte Nachrichten, durch sprachliche Reduktion und Pointierung verstärkte Klarheit suchend. 

 

 


 

 

Nachrichten in drei Zeilen

 

8

Schwer beladen mit Bronzen, Geschirr, Wäsche und Teppichen wurden zwei Einbrecher des Nachts in Bry-sur-Marne festgenommen.

 

17

Turqui, Landbesitzer in Khenchela (Constantine), hatte einen Freund seiner Frau getötet. Sie floh; er holte sie ein und brachte sie ums Leben. (Eig. Ber.)

 

21

In der Rue des Rondeaux bekam Blanche Salmon zweimal in ihrer Seite das Klappmesser von Louis Lestelin, ihrem Liebhaber, zu spüren.

 

32

Ein Duell. Die Brust von H. Armieux, Präsident des Vereins der Träger der Tapferkeitsmedaille, durchbohrten drei Kugeln des H. Pinguet vom Petit Fanal, Oran. (Havas)

 

45

Wegen beruflicher Kleindiebstähle wurden sieben Arbeiter einer Fahrradfabrik in Reuil festgenommen

 

50

Zwölf Jahre Straflager für Portebotte: Er hat in Le Havre jene fidele »Nini die Ziege« getötet, an der er glaubte Rechte zu haben. (Telephon. Mitig.)

 

54

Drei Streikende aus Fressenneville wurden zu Gefängnis verurteilt: ein Monat, zwei oder drei, je nach Derbheit ihrer Schimpfworte für die Truppe. (Eig. Ber.)

 

55

Sueur, Gießer in Escarbotin (Somme), kommt für sechs Monate ins Gefängnis: am 1ten Mai mißhandelte er einen Unteroffizier der Husaren. (Eig. Ber.)

 

56

Weil sie Gendarmen ein wenig gesteinigt hatten, wurden drei fromme Damen aus Hérissart von den Richtern in Doullens mit einer Geldstrafe belegt. (Eig. Ber.)

 

64

Nach Erklettern des Speichers, Durchbohren der Decke und Einbruch nahmen die Diebe H. Gourdé aus Montainville 800 Francs mit.

 

65

500 Havannas und 250 Flaschen Wein: Beute der Einbrecher, die in Le Vésinet die Villa der Sängerin Catherine Flachat heimsuchten.

 

66

Strahlend: »Es hätte auch mehr werden können!« rief der Mörder Lebret, in Rouen zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. (Eig. Ber.)

 

67

Schüler aus Vibraye (Sarthe) versuchten ein Kind zu beschneiden. Es wurde befreit, bereits gefährlich angeschnitten. (Eig. Ber.)

68

12000 Francs waren im Geldschrank des Pfarrhauses von Montmort (Marne). Einbrecher haben es genommen. (Havas)

 

79

Der Schlosser Bonnaut aus Montreuil plauderte vor seiner Haustür, als der Apache »Lederschnauze« ihn mit zwei Messerstichen niederstreckte.

 

88

Zwei schlechte Spieler, F. und H. Altebo, töteten (Knüppel und Navaja) in Llagonne (Pyrénées-Orientales) H. Filian, einen Falschspieler vielleicht. (Eig. Ber.)

 

93

Fr. Tulle, eine verbrecherische Megäre, wurde vom Schwurgericht Rouen zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ihr Liebhaber zu fünf Jahren. (Eig. Ber.)

 

96

Klage erhob der persische Arzt Djai Khan gegen einen Landsmann, der ihm einen Fez gestohlen hatte.

 

109

Beim Tanz in Saint-Symphorien (Isère) haben Fr. Chausson, ihr Liebhaber, ihre Eltern und Freunde H. Chausson mit Messerstichen getötet. (Havas)

 

120

Gut dreißig Heißsporne lärmten durch Bondy und Pantin. Achtzehn wurden verhaftet; einer hatte soeben einen Passanten niedergestochen.

 

121

Eingesperrt, gequält und ausgehungert von einer Rabenmutter, wurden die Töchterchen des Bresters Joseph Illou, zu Skeletten abgemagert, endlich befreit. (Eig. Ber.)

 

122

Pfarrer Andrieux aus Roannes bei Aurillac, den ein unbarmherziger Gatte am Mittwoch mit zwei Gewehrschüssen verletzt hatte, starb gestern abend. (Havas)

 

124

In einer Bar in der Rue Fontaine tauschten Vautour, Lenoir und Atanis bezüglich ihrer abwesenden Frauen einige Kugeln aus.

 

132

Bernard aus Essoyes (Aube), 25 Jahre, hat H. Dufert, immerhin 89, erschlagen und seine Frau erstochen. Er war eifersüchtig. (Havas)

 

137

Sechs Kugeln, von denen keine traf, wurden in Montagne du Roule zwischen dem Bürgermeister von Cherbourg und einem Journalisten ausgetauscht. (Eig. Ber.)

 

138

Der finstere Geselle, den der Mechaniker Gicquel in der Nähe des Bahnhofs von Herblay umherstreunen sah, wurde gefunden: Jules Ménard, Schneckensammler.

 

140

So geschwind sie beim Schmuckdiebstahl war, ließ sich Marie de Badesco in Versailles auch fassen. Zwei Jahre Gefängnis.

 

157

Als er vor seiner Tür einen verdächtigen Apparat fand, erstattete der Drucker Friquet aus Aubusson Anzeige gegen Unbekannt. (Eig. Ber.)

 

158

Sand und sonst nichts war in den zwei Bomben, die gestern früh Saint-Germain-en-Laye in Angst und Schrecken versetzten.

 

170

Eine Art Heiliger Mann, den ein Araber aus der Gegend von Constantine beherbergte, nahm seine Geldtruhe und die Tochter mit. (Eig. Ber.)

 

177

Scheid aus Dünkirchen schoß dreimal auf seine Frau. Da er sie jedesmal verfehlte, nahm er die Schwiegermutter ins Visier: Treffer. (Havas)

 

190

Von Delorce verlassen, weigerte sich Cécile Ward, ihn ein zweites Mal aufzunehmen, höchstens zwecks Heirat. Er erstach sie, da eine solche Klausel ihm sittenwidrig erschien.

 

214

Ein Racheakt. Bei Monistrol-d'Allier wurden die Hn. Blaue und Boudoussier von den Hn. Plet, Pascal, Gazanion getötet und entstellt. (Eig. Ber.)

 

227

Eug. Périchot aus Pailles bei Saint-Maixent hatte F. Lemartrier bei sich. Eug. Dupuis kam, um sie abzuholen. Sie töteten ihn. Die Liebe. (Havas)

 

228

»Schnecke«, »Veilchen« und »Nassauer« wurden am Bahnhof von Saint-Jean (Bordeaux) festgenommen. Bahnräuber, wie es scheint. (Eig. Ber.)

 

233

Dem Pfarrer von Monceau (Côte-d'Or) dürfte es äußerst schwerfallen, die Messe zu lesen. Einbrecher haben ihm die Kelche entwendet. (Eig. Ber.)

 

261

In der Rue Championnet tauschte Hutter mit dem Polizisten Poittevin ein paar Kugeln aus und traf einen Neugierigen, den kleinen Guinoseau.

 

273

Gestern abend wurde V. Choine, 15 Jahre, in der Rue Saint-Bon von einer Kugel in den Schenkel getroffen, vermutlich abgeschossen – aber weshalb? – in einem Haus der Nachbarschaft.

 

275

Um 5 Uhr morgens wurde H. P. Bouget in der Rue Fondary von zwei Männern angefallen. Der eine stach ihm das rechte Auge aus, der andere das linke. Hospital Necker.

 

277

M. O. Calestroupat machte im Unterhaus die Bekanntschaft einer durchaus nicht hochnäsigen Dame. Galanter Abend, böses Erwachen: um 11250 Francs erleichtert.

 

295

Ein Sechzigjähriger, H. Bone aus Andigné (Sarthe), hat, betrunken, seine Haushälterin so schwer geschlagen, daß man ihn gerichtlich verfolgte. Verstimmt hängte er sich auf. (Eig. Ber.)

 

296

An der Straße von Soissons nach Melun, in Quiney-Séguy (Seine-et-Marne), wurden Telephonkabel von Kupferdieben entwendet. (Eig. Ber.)

 

297

Vergeblich führte er einen Satyr ins Feld; man entlockte H. Porcher aus La Grange bei Cholet doch das Geständnis, daß er selbst seine Frau ermordet hatte. (Havas)

 

238

Sauvage vom 2ten Kolonialregiment wird heute von Brest nach Nantes verbracht; man beschuldigt ihn des Antimilitarismus. (Eig. Ber.)

 

294

Da er an seiner Tochter (19 Jahre) die gehörige Sittenstrenge vermißte, tötete sie der Uhrmacher Jallet aus Saint-Etienne. Allerdings bleiben ihm noch elf weitere Kinder. (Havas)