Hund

 

 

 

 

Hund

 

Hörspiel 

 

 

Sarah Trilsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Personen

 

Uwe, Enkel

Goetz, Großvater

Rose, Großmutter

 

 

 

Diese Arbeit wurde durch ein Stipendium der Film- und Medienstiftung NRW gefördert und ist im Rahmen des Lehrgangs FORUM Text von uniT entstanden. Paul Plamper hat die Arbeit als Mentor betreut. 

 

 

 

PROLOG

 

Ein Wald irgendwo in Deutschland. Zwei Bäume im Gespräch.

 

1 Ruhe.

2 Nur ein paar Vögel. Hin und wieder hämmert ein Specht in den Stamm. Aushaltbar.

1 Die Sonne scheint.

2 Eine laue Brise. Die Blätter kitzeln.

1 Ja. So darf es bleiben.

2 Und da kommen sie auch schon.

 

Von Weitem hört man das Motorengeräusch eines Wohnmobils. Es kommt näher. Das Wohnmobil fährt von einer asphaltierten Landstraße auf einen unbefestigten Waldweg ein. 

 

 

TEIL 1

 

I

Auf der Vorderbank des Wohnmobils sitzt Uwe zwischen seinen Großeltern, Rose und Goetz. 

 

GOETZ Gibst du mir ein Brötchen, bitte?
ROSE Ist mit Käse.
GOETZ Ess ich nicht.
ROSE Leberwurst?
GOETZ Danke. – Gib dem Jungen auch etwas.
UWE Ich hab keinen Hunger.
GOETZ Dass du wächst.

 

Der Wagen fährt auf einem unebenen Weg. Die Fensterscheiben vibrieren. Rose öffnet eine Flasche Mineralwasser. Es zischt.

 

ROSE Spitz die Lippen. Sonst schlägst du dir die Zähne raus. 

 

Das Wohnmobil kommt schon nach kurzer Zeit auf einer Lichtung zum Stehen. Ein Campingplatz. Goetz parkt den Wagen umständlich zwischen zwei Bäumen ein. 

 

GOETZ

So. Endstation. – Wir haben den ganzen Campingplatz nur für uns.

 

Herrlich. Kein Mensch weit und breit, der uns stören kann.

 

Die haben ihre Wagen schon für den Winter eingemottet.

 

Dabei ist es doch warm. Fast noch Sommer eigentlich. 

 

 

ROSE 

Lass uns auspacken.

Der Wald ist ungewöhnlich ruhig. Kaum Vögel zwitschern. Windstill. Rose und Goetz steigen aus. Goetz hebt Uwe aus dem Wohnmobil. Türen knallen.

 

GOETZ Raus mit dir, du Fliege.
ROSE Wilkommen im Urlaub, Uwe.
GOETZ Urlaub im Wald.
ROSE Waldurlaub. – Ja.
GOETZ Magst du dich nicht umgucken? – Tob dich aus. Nicht so schüchtern.

 

Uwe entfernt sich langsam von der Lichtung und bleibt unschlüssig am Waldrand stehen. Rose und Goetz stellen die Campingmöbel auf und beobachten ihn aus der Ferne.

 

GOETZ Ganz blass ist der. Die lassen ihn wohl nie vor die Tür. Wie der an dem  
  Baum lehnt. Als wär der noch nie in der Natur gewesen.
ROSE Hätte ich nie gedacht, dass sie uns das Kind mitgibt. – Nie.
GOETZ Nicht wahr.

ROSE

Ich hatte schon aufgegeben, muss ich sagen. Diese Diskussionen,

 

wie ich die satt habe. Dachte ich, gut, fährt der nicht mit. Gut. Aber dann.

 

Ich weiß auch nicht, wieso sie uns den mitgegeben haben.

GOETZ Jetzt ist er hier.
ROSE Ja. – Jetzt haben wir ihn. 

 

 

 

II

 

Uwe spielt zwischen Farnen am Waldrand. Mit einem Stöckchen ritzt er Buchstaben in die  Erde. Äste knacken. Ein Welpe steht plötzlich vor Uwe.

 

UWE Wo kommst du denn her? Bist du aus dem Wald? – Ja, komm mal her. Wer
  bist du denn? Komm doch. Keine Angst. Ich tu dir auch nichts.

 

Rose rennt auf Uwe zu und zieht ihn von dem Welpen weg. 

 

ROSE NICHT ANFASEN. Hast du ihn angefasst?
UWE Nein –
ROSE Wie eklig. Der hat nur drei Beine.
UWE Hat er nicht.
ROSE Vorne links fehlt doch eins. 
UWE Eins, zwei, drei, vier – 
ROSE Nicht mal wegrennen tut der, wenn man kommt. Der hat sicher was. 

 

Goetz schleicht sich von hinten an und streichelt den Welpen.

 

GOETZ Ja. Wen haben wir denn da?!
ROSE NICHT. ANFASSEN.
GOETZ Wie hilflos der aussieht, das junge Ding.
ROSE Ein Krüppel.
GOETZ Der Arme. Er hat bestimmt Hunger.
UWE Hast du Hunger?
ROSE Hat er nicht. Der bettelt doch aus Prinzip.
GOETZ Hier ist ja sonst keiner.
ROSE Vielleicht hat der Tollwut.
GOETZ Nein. Also das würde ich sehen.
ROSE Wenn der zubeißt, ist unser Urlaub vorbei.

 

Der Welpe winselt.

 

ROSE Da. Knurren tut der schon wie ein Großer.
GOETZ Das ist eine Welpe.
ROSE

Wir gehen jetzt und lassen das Tier da, wo wir es gefunden haben. 

 

Das gehört uns nicht.  – Uwe, komm.

UWE Bitte.
ROSE Goetz, sag doch auch mal was.
GOETZ Ja –
ROSE Vielleicht ist das der Hund von einem anderen Kind und das ist jetzt sehr
  traurig.
UWE Ja –
GOETZ Solange ihn niemand sucht, kann er ja bei uns bleiben.
ROSE Wir hatten gesagt, wir sind zu dritt.
GOETZ Wenn wir fahren, bleibt er hier. Wird keiner was merken.
ROSE Irgendwas stimmt nicht mit dem Tier.
GOETZ

Jetzt lass dem Uwe doch den Hund für die paar Tage.

 

In seinem Alter hatte ich auch einen.

ROSE Aber im Wohnmobil schläft der nicht.
GOETZ Das ist jetzt unser Geheimnis, Uwe.
UWE
GOETZ Freust dich?
ROSE Natürlich freut er sich.

 

Langsam gehen sie Richtung Campingplatz.

 

GOETZ Und wie rufst du ihn?
UWE Hund.
GOETZ Nur Hund?
UWE Ja. Nur Hund.

 

 

III

 

Ein Handy klingelt. Rose bleibt stehen, kramt in ihrer Handtasche. Der Welpe läuft zurück in Richtung Wald. Uwe nutzt die Gelegenheit und folgt ihm, von den Großeltern unbemerkt. Goetz bleibt bei Rose. 

 

ROSE Das ist sie.
GOETZ Jetzt schon?!

 

Rose ins Handy:

 

ROSE Ja?
  – 
  Wieso denn? Wir hatten gesagt am Abend. Und jetzt ist erst Nachmittag.

 

Später Nachmittag.
 
  Ja –
 
  Alles in Ordnung. – Ja.
 
  Gut. Dem geht es gut.
 
  Nein.
 
  Der spielt grad so schön.
 
 

Der baut ein Häuschen für Käfer. Aus Tannenzapfen und Zweigen.

Wir machen auch Fotos.

 
 

Natürlich nicht. Das haben wir gar nicht erst eingeparkt. 

Der Kleine schläft bei uns im Wagen.


  Als würden wir ihm was Schlechtes wollen. Aber im Gegenteil. Im Gegenteil.
 
  Das bin ich nicht.
 
  Hab ich schon zig Mal gesagt. So sind wir nicht.
 
  Ich versteh wirklich nicht, was du dich hast. Bei dem kurzen Urlaub.
 
  Ich sag ja auch nur.
 
  Morgen. Ja.
 
  Also dann.
 
  Ja. – Also dann.

 

Sie legt auf. Zu Goetz

 

ROSE

Die hat jedes Mal einen Ton drauf. Das nächste Mal sprichst du mit ihr.

 

Muss ich mir nicht länger antun.

GOETZ Ich war so oft zelten mit ihr früher.

 

Uwe kommt aus dem Wald zu Rose und Goetz gelaufen. Im Arm trägt er den Welpen. Er ist ein wenig außer Atem.

 

UWE ER HAT EINEN PILZ GEGESSEN.
ROSE Was?!
UWE EINEN BRAUNEN.
GOETZ Tja –
ROSE Bist du sicher?
UWE Kann er sterben?
GOETZ

Der wirkt eigentlich ganz normal auf mich, der Hund.

 

Also zumindest nicht vergiftet.

UWE Gras hat er auch gegessen.
GOETZ

Ich sag doch, er hat Hunger. Das macht einem Hundemagen nichts aus.

 

Der wird sich wohl übergeben.

UWE Ich pass auf ihn auf. Den ganzen Abend und die ganze Nacht.
ROSE Das Tier schläft nicht im Wohnmobil. Hab ich schon mal gesagt.
GOETZ Ist auch mein Wohnmobil, Rose.
ROSE

Ich will da aber keinen Gestank drin haben. Und ich kann mir

 

auch nicht vorstellen, dass du das willst. Gerade du.

GOETZ Jetzt sei doch nicht so.
UWE Ich schlafe draußen.
GOETZ Gut.
ROSE Was?!

 

 

IV

 

Auf dem Campingplatz. Uwe hilft Goetz ein 1-Mann-Zelt aufzubauen. Es ist windig. Der Zeltstoff flattert. Sie sind fast fertig.

 

GOETZ Gib mir mal die Heringe.
UWE
GOETZ In der blauen Tüte sind die.
UWE Hier ist keine Tüte.
GOETZ Stell dich mal nicht so an. Im Korb ist die.
UWE Nein.
GOETZ ROSE?

 

Rose kommt langsam dazu.

 

GOETZ Wo sind die Heringe?
ROSE Heringe?
GOETZ Mensch, die Heringe.
ROSE

Weiß ich doch nicht. Zuhause vermutlich, wenn sie nicht hier sind.

 

Hättest du sie eben selbst einpacken müssen. Woher soll ich denn wissen,

 

was zur Ausrüstung gehört. 

GOETZ Gut. Nehmen wir eben Löffel zum Festmachen.
ROSE Und wie sollen wir das seiner Mutter erklären?

 

Goetz schlägt mit dem Hammer ein paar Löffel in die Erde.

 

GOETZ

Lass doch dem Jungen die Freude. Er erzählt es auch nicht weiter.

 

Versprichst du es?

UWE Ich –
ROSE Gar nichts erzählst du.
GOETZ Nichts vom Zelt. Nichts vom Hund.
ROSE Von gar nichts. Bitte.
UWE Ich schwöre.

 

 

V

 

Goetz brät neben dem Wohnmobil Steaks am Grill. Es brutzelt. 

 

GOETZ ESSEN. UWE, ESSEN.

 

Uwe liegt nur wenige Meter entfernt im Zelt. Man hört, wie er sich an die Innenwand des

Zeltes anlehnt. Er redet auf den Welpen neben sich ein. 

 

UWE

Ich hab einen Wackelzahn. In drei Tagen ist der raus. Ist schon der fünfte. –

 

Hier. Mein Brötchen. Ist mit Salami. Einen Apfel hab ich auch noch.

 

Lass es dir schmecken, Hund. Du brauchst keine Angst mehr haben.

 

Jetzt bist du nicht mehr allein. 

 

Am Grill.

 

GOETZ UWE.

 

Im Zelt.

 

UWE Ich bin Uwe. Ich bin dein Freund.

 

Goetz steht am Grill. Rose deckt den Tisch. Uwe öffnet den Reisverschluss, kriecht aus dem Zelt und kommt mit dem Welpen zum Grill. 

 

GOETZ

Riecht das nicht herrlich?! Das Roastbeef ist schon fertig. Im Kern blutig.

 

Eins reicht für den kleinen Mann?

UWE Ja.
ROSE Für mich nicht. Ich nehme vom Salat.

 

Der Welpe bettelt unter dem Tisch.

 

GOETZ Ja. Komm. Willst du auch?
ROSE Muss das sein hier am Tisch?
GOETZ Ja. Braver Hund. Brav.
ROSE Goetz. Das ist doch widerlich.
GOETZ

So ein schöner Abend. Herrliches Wetter. Kaum Mücken. – 

 

Worauf trinken wir?

ROSE Auf Uwe.
GOETZ Auf dich, Uwe. – Prost.
ROSE Zum Wohl.
UWE

 

Rose und Goetz stoßen an.

 

GOETZ Was ist denn?
UWE Das ist Bier.
GOETZ

Ein Schluck wird ja wohl drin sein. Trink vom Schaum.

 

Da ist kaum Alkohol drin.

UWE
GOETZ Prima. Das schmeckt doch. Was so ein richtiger Mann ist.
ROSE Unser Großer.
GOETZ Unser Junge.
ROSE

Das ist ein ganz, ganz großes Glück, dass du hier bist.

 

Das wollte ich noch mal sagen.

UWE
GOETZ

Jetzt mach den Jungen nicht verlegen. Der weiß ja gar nicht mehr,

 

was er sagen soll. – Schlag kräftig zu, Uwe. Frische Luft macht hungrig.

 

Sonst kannst du nicht schlafen. Nachher. 

 

 

VI

 

Im Zelt. Goetz, Uwe und der Welpe. Eine Gute-Nacht-Zeremonie.

 

UWE Singst du noch was?
GOETZ Ich kann doch gar nicht singen.
UWE Das Lied vom Mond.
GOETZ Der Mond –

 

Goetz summt und versucht dabei die Melodie des Volksliedes ‚Der Mond ist aufgegangen’ zu finden. Er bricht ab.

 

GOETZ

Das ist schon zu lange her. Eigentlich hat das immer Rose gemacht.

 

Früher. Dabei mochte das deine Mutter gar nicht. Das Singen.

UWE Mir singt sie immer vor.
GOETZ Tja. – Der Mond. Das ist kein Planet. Das weißt du schon.
UWE Ja.
GOETZ

Der ist der Trabant der Erde. Also der einzige natürliche Satellit sozusagen.

 

Ein Steinklumpen, der von der Sonne angestrahlt wird.

 

Dort gibt es keine Atmosphäre wie hier. Deswegen musste Armstrong

 

im Raumanzug über den Mond laufen.

UWE Wenn der Anzug ein Loch kriegt –
GOETZ Das wäre schlecht. Ist aber nicht passiert.
UWE Wie unter Wasser.
GOETZ

Im Prinzip geht es da auch um Druckausgleich. Ja. – 

 

Hängt alles zusammen. Mond und Wasser. Also Ebbe und Flut. 

 

Die Anziehung zwischen Mond und Erde und Erde und Sonne

 

bewirken die Wasserbewegung der Meere.

UWE Heute ist Vollmond.
GOETZ Übermorgen.
UWE Ja.
GOETZ

Macht aber nichts. Manche glauben da die wildesten Sachen,

 

statt sich mal zu informieren. Mondkalender und alles.

 

Roseist da auch anfällig für. Aber es gibt Fakten.

 

Der Mond stabilisiert die Erdachse, er hat die Rotation der Erde

 

abgebremst und, wie gesagt, die Gezeiten. Mit Schlafstörungen

 

und Pflanzenwachstum hat er nichts zu tun. Und Wölfe heulen

 

den Mond auch nicht an. 

UWE Doch. Tun sie.
GOETZ Die heulen, um sich miteinander zu verständigen.
UWE Worüber?
GOETZ

Was weiß ich. Die grenzen damit ihr Revier ab oder brauchen das zur Jagd

 

oder in der Paarungszeit. – So. Jetzt aber gute Nacht, Uwe.

 

Goetz will gehen.

 

UWE Wo schläft ein Wolf?!
GOETZ Bei seinem Rudel. Vermutlich.
UWE In einer Höhle?
GOETZ Zum Beispiel.
UWE Gibt es hier Wölfe?
GOETZ

An und für sich nicht. Die leben ja in Russland oder was weiß ich wo.

 

Sibirien oder was. Hier sind die ausgestorben. Hier streunen nur Hunde. –

 

Wobei. Es gibt ja so Berichte. Da verläuft sich mal ein Rudel.

 

Aber die sind ganz scheu. 

UWE

 

 

VII

 

Goetz steigt aus dem Zelt, geht zum Wohnmobil. Rose sitzt dort auf dem Bettsofa und liest in einem Kriminalroman. Er nimmt sich ein Handtuch aus dem Schrank und will wieder zur Tür raus.

 

ROSE Wo willst du denn hin?
GOETZ
ROSE Goetz. Sag mal, ich rede mit dir.

 

Goetz verlässt das Wohnmobil. Rose folgt ihm. Sie überqueren den Campingplatz. Er vorne weg. Sie immer hinterher. 

 

GOETZ Schwimmen.
ROSE Was, jetzt?
GOETZ Ja.

 

Sie folgt ihm in den Wald.

 

ROSE Ist doch total kalt, das Wasser. Du erkältest dich.
GOETZ
ROSE

Es ist stockfinster. Was soll denn das bringen?

 

Du siehst ja nicht, wo du hintrittst.

GOETZ
ROSE

Wenn du ausrutschst. Oder einen Krampf hast.

 

Wer soll dich denn dann retten?!

GOETZ

 

Sie kommen am Ufer eines Sees an. Goetz beginnt die Kleider abzustreifen. Rose steht

abwartend neben ihm.

 

ROSE

Ich nicht. geh zurück zum Wohnmobil. Ich geh mich hinlegen.

 

Ich bin müde. Ich warte nicht auf dich hier. 

GOETZ
ROSE Muss denn das sein? – Nackt.
GOETZ

 

Goetz springt von einem Steg ins Wasser. Er schreit kurz auf, weil das Wasser so eisig ist.

 

ROSE KOMM ZURÜCK –
GOETZ

 

Rose steht am Ufer.

 

ROSE Goetz –

 

 

VIII

 

Nacht. Uwe schläft im Zelt. Neben ihm winselt der Welpe. Uwe wacht auf. 

 

UWE

Nein. – Lass mich.

 

Der Welpe winselt lauter. Uwe versucht weiter zu schlafen.

 

UWE Hund?

Draußen weht ein leichter Wind. Äste knacken. Der Welpe heult.

 

UWE Sei doch still.

 

Ein paar Blätter rascheln auf dem Boden. Uwe zuckt zusammen. Ganz in der Nähe atmet jemand tief ein und aus. Vielleicht ist es auch der Wind. Der Welpe knurrt leise. 

 

UWE Mach keinen Mucks. Wir stellen uns tot.

 

Der Wind lässt nach. Ein Käuzchen schreit. Äste knacken in der Ferne. Sonst die übliche Stille des Waldes bei Nacht.   

 

 

Teil 2

 

 

I

 

Ein einzelner Singvogel zwitschert. Rose und Goetz sitzen am Tisch vor dem Wohnmobil und trinken Kaffee. Vielleicht läuft ein Radio im Hintergrund. Uwe schält sich aus seinem Zelt.  

 

GOETZ Guten Morgen!
ROSE Morgen, Uwe!
GOETZ Gut geschlafen?
ROSE Hast du Hunger?
GOETZ Abenteuer Wildnis.
ROSE

Käseweiß siehst du aus. Iss erstmal was.

 

Es gibt Rührei mit Schinken und eine Tasse Kakao.

GOETZ Jetzt lass ihn doch erst mal aufwachen.
ROSE
UWE Wir sind hier nicht allein.
ROSE Bitte was?
UWE

Es hat da im Gestrüpp so geraschelt und dann hat etwas

 

das Zelt gestreift. Nicht berührt. Aber da waren Schatten.

ROSE Du hast schlecht geträumt, mein Kleiner. Das ist alles.
UWE Ich hab wen atmen gehört.
ROSE Hast du dem Kind Schauergeschichten erzählt?
GOETZ Nein –
UWE Habt ihr nichts gehört?
ROSE Gar nichts. Überhaupt gar nichts. – Du?
GOETZ Absolut nichts.
UWE Es war mitten in der Nacht. Es war ganz dunkel.
ROSE Du bist doch später ins Bett. Hast du nichts mitgekriegt?
GOETZ Das war wohl der Wind. Ging doch ein Lüftchen.
ROSE Was haben wir denn da?
GOETZ
ROSE Hast du geraucht?
GOETZ Das ist nicht meine.
ROSE Die lag da vorher nicht. Wir bauen doch kein Zelt neben einer Zigarette auf.
GOETZ

Das ist doch total unlogisch. Ich hätte ja am See rauchen

 

und die dann direkt ins Wasser werfen können.

ROSE

Hast du aber nicht. Du hast dich genau hier hingestellt und geatmet. –

 

Das Kind hatte Todesangst.

GOETZ Ich soll mit Absicht geatmet haben?
ROSE Also doch.
GOETZ Ich stand da nicht.
ROSE Hast Du Schritte gehört, Uwe?
UWE Nein.
GOETZ

Natürlich nicht. weil da war ja auch niemand. Im Wald gibt es Geräusche.

 

Da knackt mal ein Ast. Da raschelt es irgendwo. Vielleicht 

 

huscht mal ein Tier vorbei. Da muss man sich dran gewöhnen.

UWE Ein Tier?
GOETZ Oder mehrere.
UWE Der Hund hat geheult.
GOETZ

Siehst du. Der hat bestimmt eine Maus gewittert. 

 

Da ging gleich der Jagdinstinkt los.

UWE Meinst du?
GOETZ

Steckt man ja nicht drin. Kann auch eine Blindschleiche gewesen sein.

 

Fragen kann man ihn ja nicht.

 

 

II

 

Uwe spielt auf dem Campingplatz mit dem Welpen. Uwe und Rose räumen den Tisch ab.

 

ROSE Uwe, der kann kein Pfötchen geben. Der kippt doch um dann.
UWE Gerade hat er es aber gemacht.

 

Das Handy klingelt. Rose hat es mit einem Griff in die Tasche in der Hand.

 

ROSE Kann ja nicht sein.
UWE Mutti –
ROSE

Nein. Das ist nicht für dich. Das ist für Goetz. 

 

Hier. Bitte. Mach du mal.

GOETZ

 

Goetz entzieht sich, indem er sich von Rose entfernt. Rose läuft ihm kurz hinterher. 

 

ROSE JETZT GEH DOCH MAL RAN.
GOETZ Nein.

 

Sie stoppt dann aber und nimmt den Anruf an. Rose ins Telefon:

 

ROSE Ja?
 
  Wieso? Wie kling ich denn?
 
  Ist ja so früh noch am Morgen. Wir sind gerade beim Frühstück.
 
  Gut. Ganz ruhig.
 
  Wie ein Stein. Wir haben richtig Mühe gehabt, den heute wach zu kriegen.
 
  Jetzt?
 
  Der hat den Mund gerade voll.
 
UWE Mutti.
ROSE Moment.

Rose zu Uwe:

 

ROSE Uwe. Nichts von der Nacht.
UWE Nichts vom Zelt. Nichts vom Hund. – Ja.
ROSE Und steck dir ein bisschen was vom Ei in den Mund, bitte.

 

Uwe ins Telefon:

 

UWE Hallo.
 
  Ja.

  Nein.
 
  Ja.

 

Rose zu Uwe:

 

ROSE Gib sie mir noch mal.

 

Rose ins Telefon:

 

ROSE

Uwe will noch ein bisschen spielen gehen. 

 

Das hat ja so eine Phantasie, das Kind.

 
  Wir melden uns.
 
  Also dann.
 
  Ja. – Also dann.

Sie legt auf. Goetz steht plötzlich wieder vor ihr. Rose zu Goetz.

 

ROSE Ich geh da nie wieder dran.
GOETZ Rose. Ich mach auch Mittagessen.
ROSE Nie wieder. Die hat kein einziges Mal gefragt, wie es uns eigentlich geht.
GOETZ Entspann dich mal.

 

 

III

 

Rose und Uwe machen einen Waldspaziergang. Der Welpe läuft vorne weg. Noch immer sind kaum Vögel zu hören. Bäume knarren. Äste knacken. 

 

ROSE Tief Luft holen.
UWE
ROSE Genieß das. Zuhause riechst du nur Stadt.

 

Der Welpe bleibt stehen und knurrt ein Gebüsch an.

 

UWE Aus. – AUS.
ROSE Was hat er denn jetzt?
UWE Ich weiß nicht.
ROSE Was knurrst du denn so? – Ist da was? Ist da was im Gebüsch?
UWE Ich sehe nichts.
ROSE Vielleicht ein Vogel.
UWE Oder ein Mensch.
ROSE Nein. Da ist kein Mensch. Muss ein Tier sein.
UWE Als wenn uns einer anguckt.
ROSE Wir gehen jetzt einfach weiter.
UWE Aber es ist noch da.
ROSE Komm.
UWE Hund? – Hund, komm mit.
ROSE Lass ihn stehen. Der folgt schon.
UWE Tut er nicht.

 

Rose pfeift. Der Hund kommt. 

 

ROSE Braver Hund.
UWE Wie hast du das gemacht?
ROSE Mit zwei Fingern. So.

 

Rose pfeift noch einmal.

 

ROSE

Im Mund muss ein Hohlraum entstehen. Das ist im Prinzip

 

wie bei Flaschen. Finger in den Mund und Spannung auf der Zunge.

 

Vier Finger. Dann einfach Luft rein. 

 

Uwe pfeift und spuckt.

 

ROSE

Das geht nicht sofort. Du musst einen Bogen formen mit der Zunge

 

und die Luft muss dann durch den Bogen durch und schwingen.

 

Üb das mal ein bisschen. Später nimmst du dann zwei Finger. 

UWE Hast du mal einen Hund gehabt?
ROSE Nur Kinder.
UWE
ROSE

Hier ist doch schön. Hier bleiben wir. Hier liegt so viel.

 

Da müssen wir gleich zweimal gehen. Tu alles in den Korb rein.

 

Aber achte darauf, dass es trocken ist, das Holz.

 

Rose summt eine Melodie. Sie sammeln Holz und werfen es in den Korb.

 

UWE Da vorne.
ROSE Wie?
UWE Da liegt was.
ROSE Ein Tier.
UWE
ROSE

Bleib du hier. Und halt den Hund fest. Wir müssen ganz leise sein.

 

Das ist ein schlafendes Reh. Vielleicht. – So nah.

 

Uwe bleibt bei dem Holzkorb stehen. Rose schleicht sich langsam an das Reh heran. 

 

ROSE

UM HIMMELS WILLEN. – ES IST TOT.

 

Sind nur Knochen und Gedärme. Ein bisschen Fell. 

 

Fliegen summen über dem Kadaver. Uwe versucht von weitem auf das Tier zu sehen.  

 

UWE Das arme Reh.

 

Rose kommt zurück zu Uwe.

 

UWE Sieht es sehr schlimm aus?
ROSE Nicht schön.
UWE Oh.
ROSE

Aber das ist ganz normal im Wald. Das gehört dazu.

 

Größere Tiere fressen kleinere Tiere.

UWE Wölfe.
ROSE Nein. Hier gibt es keine Raubtiere.
UWE Wir sind nicht allein.
ROSE Natürlich nicht. Goetz ist ja auch noch da.
UWE

 

 

IV 

 

Goetz steht auf dem Campingplatz hinter dem Grill und brät Würste. Es brutzelt. Uwe rennt auf ihn zu. Hinter ihm kommt Rose mit dem Korb voller Holz angelaufen.

 

GOETZ So viel Holz. Ihr fleißigen Sammler. Das wird ein Feuer heute.
UWE Da war eine Leiche im Wald.
GOETZ Was? – ROSE?!
UWE Ein Reh.
GOETZ Ach so. Ein Reh. Das macht doch nichts.

 

Rose hat aufgeholt und steht jetzt direkt neben den beiden.

 

UWE Da lagen nur noch Haut und Knochen.
ROSE Uwe hat nichts gesehen.
GOETZ Kommt halt vor in der Natur.
UWE Und wenn sie meinen Hund holen?
ROSE Was redest du denn?
UWE Die Wölfe.
GOETZ Niemand will deinen Hund olen.
ROSE

Es gibt überhaupt keine Wölfe. Die gibt es nur im Märchen.

 

Bei Rotkäppchen und den sieben Geißlein. 

UWE Welches Tier frisst denn Rehe?
GOETZ Tja –
ROSE

Der Hund macht den Jungen ganz verrückt. Knurren tut der ohne Grund.

 

Uwe weißt gar nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. – Der Hund muss weg.

UWE Nein.
ROSE

Der Urlaub wäre so schön ohne den Hund. Du könntest den ganzen Tag

 

spielen und müsstest dich um niemanden kümmern. Ich hab Halma

 

mit dabei. Sogar deine Mutter mochte das. 

UWE
ROSE

Heute schläfst du jedenfalls bei uns im Wohnmobil.

 

So wie das eigentlich geplant war.

GOETZ

Esst erstmal was. Gibt Bratwurst mit Kartoffelsalat. Setzt euch.

 

Wird ja kalt sonst.

UWE

Ich mag nicht.

GOETZ

Eine halbe Wurst wenigstens. Du brauchst was im Magen.

 

Wir gehen später schwimmen.

ROSE Kann er doch gar nicht.
GOETZ In dem Alter. Natürlich.
UWE Ich hab das Seepferdchen.
ROSE Aber der Hund bleibt hier.
UWE Bitte.
GOETZ

Im See ertrinkt der doch mit dem kaputten Bein.

 

Dann ist der gleich hinüber.

ROSE Goetz –
GOETZ Willst du also mit dem Hund baden?
UWE Nein.
ROSE Dann lass ihn los jetzt.
UWE Er hat Angst.
GOETZ Jetzt gib ihm schon die Wurst. Dann ist Ruhe.

 

Der Welpe winselt. Uwe hält ihm seine halbe Wurst hin. 

 

UWE Er zittert richtig. Er soll bei mir sein. Am Ufer.
ROSE

Du bist hier, um dich zu erholen. Im See kannst du

 

nicht auf den aufpassen. Bei mir ist der in guten Händen.

GOETZ Sag tschüss zum Hund.
UWE Tschüss, Hund.

 

 

V

 

Am See. Uwe und Goetz stehen auf dem Steg. Die Sonne scheint. Goetz deutet einen Kopfsprung an.

 

GOETZ Guck. Die Arme nach vorne.
UWE
GOETZ Bei drei.
UWE Ja.
GOETZ Eins. – Zwei. – Drei.

 

Mit einem riesigen Platscher springt Goetz in den See.  Eher eine Bombe, als ein eleganter Kopfsprung.

 

GOETZ Wo bleibst du denn?

 

Uwe steht Zähne klappernd am Ufer.

 

UWE Kalt.

 

Goetz schwimmt im See auf und ab.

 

GOETZ

Natürlich ist das kalt. Das ist ein See und keine Badewanne.

 

Beweg dich. Dann wird es warm. Wenn der Bauch erstmal im Wasser ist,

 

geht es. – Schau. Bis hier kann ich stehen. Hier bist du sicher.

 

Uwe rutscht zaghaft vom Steg ins Wasser. Seine Schwimmbewegungen sind hastig.

 

GOETZ

So ist gut. Und jetzt die Arme ins Wasser und den Hintern hoch.

 

Ganz toll machst du das. Große Bewegungen. Ja. 

UWE
GOETZ Wo ist denn der Wasserball? Hast du den gar nicht mitgebracht, oder was?
UWE Nein –
GOETZ

So was. Ich geh den mal kurz holen. Schwimm einfach weiter.

 

Ist doch kein Spaß ohne Ball. 

UWE Geh nicht.
GOETZ Bin ja gleich wieder da.
UWE Kalt. So kalt. ch kann nicht mehr. Ich –

 

Goetz hebt den Wasserball vom Ufer auf. Als er zurück zum Steg läuft, kann er Uwe nicht mehr sehen.

 

GOETZ Uwe?
UWE
GOETZ UWE.
UWE
GOETZ DAS IST NICHT WITZIG.

 

Uwe rudert hektisch mit Armen und Beinen, um sich über Wasser zu halten. 

 

UWE Hier –

 

Goetz steht noch immer auf dem Steg.

 

GOETZ Du hast doch gesagt, du kannst schwimmen. Kannst du ja gar nicht.

 

Goetz springt ins Wasser und schwimmt auf den ertrinkenden Uwe zu.

 

UWE Hilf mir –
GOETZ Übertreib mal nicht so. Zwei Züge und du kannst stehen.
UWE Nein.
GOETZ

Bin ja da. Jetzt kannst du loslassen, bitte. Lass los.

 

Füße runter, Uwe.

UWE Ja.
GOETZ Spielen wir noch ein bisschen?
UWE
GOETZ Da. – Fang,
UWE

 

 

VI

 

Rose steht vor einem riesigen Lagerfeuer auf dem Campingplatz. Goetz und Uwe kommen vom See. Sie legen die Handtücher ab und wärmen sich am Feuer.

 

GOETZ Du hattest Recht. Er kann gar nicht schwimmen.
ROSE Sag ich doch.
GOETZ Der wär mir fast untergegangen.
ROSE Wirklich?!
GOETZ Und ich dachte, du bist schon ein Großer.
UWE Bin ich doch auch.
GOETZ

Es hätte alles Mögliche passieren können, wenn ich nicht dagewesen wäre.

 

Aber gut. Gehen wir eben Angeln morgen.

UWE Nein.
ROSE

Was du hier alles erlebst. Das ist das Highlight des Urlaubs.

 

Würde ich jetzt schon sagen. So was hast du bestimmt noch nicht gesehen,

 

Uwe. Das ist ein richtiges Indianerfeuer. Für den kleinen Häuptling.

GOETZ

Jetzt nimmst du dir mal den Stock. Vorsicht mit der Spitze. Und spießt dir

 

das Würstchen auf. So. Dann ins Feuer halten bis es knusprig ist.

ROSE Das ist genau, wie du dir das vorgestellt hast, Uwe.
UWE Wo ist denn der Hund?
ROSE Eben war er noch da.
UWE Hund? – Hund.
ROSE

Das war eigentlich ein Wochenende mit Goetz und mir.

 

Jetzt essen wir und dann kannst du ihn wieder haben.

UWE Ich will meinen Hund.
GOETZ Gib ihm doch das Tier.
ROSE

Das ist mir nichts, wenn der mir immer um die Beine

 

streift und ständig bettelt.

 

Uwe geht umher und sucht den Welpen.

 

UWE Hund. – Hund.

 

Rose kommt ihm hinterher. Sie öffnet die Tür vom Wohnmobil. Der Welpe springt aus dem Wagen, winselt und drückt sich an Uwe, der ihn streichelt. 

 

ROSE Du hast mich nie gefragt, ob ich deinen Hund eigentlich will.
UWE Das ist er ja. – Warum hast du ihn eingesperrt?
ROSE

Der hätte sich verbrennen können am Feuer. 

 

Das ist gefährlich hier für so kleine Hunde im Wald.

UWE Wir müssen besser auf ihn aufpassen.

 

Rose geht zurück zum Lagerfeuer. 

 

GOETZ Du wirst ihn einfach nicht los.
ROSE Nein.

 

Uwe tollt mit dem Hund über den Campingplatz.

 

GOETZ Er interessiert sich kein bisschen für dein Hexenfeuer.
ROSE Er interessiert sich aber auch nicht für deinen See.
GOETZ

Der ist einfach kein richtiger Naturbursche, aber ein richtiges

 

Stadtkind ist er irgendwie auch nicht. 

 

VII

 

Diesmal bringt Rose Uwe ins Bett. Uwe öffnet die Tür des Wohnmobils, um den Hund hereinzulassen. Rose schlägt die Tür mit aller Wucht zu.

 

UWE Was?!
ROSE Der bleibt draußen.
UWE Bitte. Für die Nacht.
ROSE

Jetzt mach keinen Zirkus, Uwe. Das ist ein Tier.

 

Die schlafen nicht in Wohnmobilen. Hier ist überhaupt kein Platz.

 

Nicht mal für eine Katze. 

UWE Dann will ich raus.
ROSE

Du bleibst hier jetzt. Hast die halbe Nacht kein Auge zugemacht.

 

Wenn das dein Mutter wüsste. Dann wäre das der erste und letzte Urlaub.

 

Willst du das?

UWE Nein –
ROSE Wir sehen dich ja ohnehin schon kaum. 
UWE Ich sag ihr nichts. – Wirklich.
ROSE

Morgen vielleicht. Aber heute schläfst du nicht im Zelt.

 

Ist doch viel schöner hier mit uns hier.

 

Der Welpe heult draußen.

 

UWE Hund –
ROSE Den muss man jetzt heulen lassen. Wie bei Kindern. – Der schläft gleich.
UWE
ROSE Soll ich noch was singen?
UWE Nein.
ROSE Goetz meinte, du magst das.
UWE
ROSE Dann erzähl ich dir ein Geheimnis.
UWE
ROSE Goetz geht nachts schwimmen.
UWE Ich weiß.
ROSE Der badet nachts mit Nixen.
UWE Stimmt ja nicht.
ROSE

Um Mitternacht tauchen die plötzlich aus dem See auf.  

 

Sie sind ganz nackt, nur mit ein bisschen Seetang bedeckt.

 

Wenn überhaupt. Ihre Körper sind jung und wunderschön.

 

Wie aus dem Katalog, aber mit blasser Haut und einem leichten

 

Grünstich in den Haaren. Man hört ihren Gesang schon von weitem.

 

Wie die Klänge von Harfen. Melodien ohne Text. Überhaupt können

 

sie nicht sprechen. Bis zu sieben Nixen schwimmen neben ihm her.

 

Sie sind sehr scheu und lassen sich nicht berühren. Aber man muss

 

ein bisschen aufpassen, dass sie einen nicht selbst unter Wasser ziehen.

 

Kinder mögen sie. Dir hätten sie geholfen. Du wärst nicht ertrunken.

UWE Sie kommen
ROSE Was?
UWE
ROSE Wer kommt? Uwe? Bist du noch wach?
UWE
ROSE Träum weiter. Bist ja hundemüde.

 

 

VIII

 

Goetz sitzt auf einem Stuhl vor dem Wohnmobil. Rose öffnet die Tür vom Wagen und setzt sich auf die Schwelle, so dass sie direkt neben ihm hockt. Der Welpe heult.

 

GOETZ Kannst du nicht schlafen?
ROSE Ich dachte, du bist schwimmen.
GOETZ Viel zu kalt heute.
ROSE Hältst du Wache hier?
GOETZ Warum sollte ich denn Wache halten?
ROSE

Ich weiß nicht. Der Hund heult so komisch.

 

Im Zelt kann der jedenfalls nicht bleiben.

 

Überhaupt kann der hier nicht bleiben.

 

Wie sollen wir schlafen bei dem Lärm? 

GOETZ Der Junge ist so fixiert auf das Tier.
ROSE

Sag ich ja. Und du bist nicht unschuldig dran.

 

Hättest einfach nicht ja sagen dürfen. Von vornherein nicht. 

GOETZ

Ich hab früher wandern gehasst und heute sage ich,

 

das waren meine schönsten Urlaube. 

ROSE Versteh ich nicht. Was hat denn das jetzt damit zu tun? – Willst du?
GOETZ Du rauchst?
ROSE Sind doch deine.
GOETZ Nein. Danke.
ROSE Wir können ihn doch nicht einfach verjagen. Können wir einfach nicht.
GOETZ Oder ertränken.
ROSE An so was denken wir nicht mal.
GOETZ Nein.

 

 

TEIL 3

 

I

 

Früher Morgen. Uwe hatte schon im Morgengrauen das Wohnmobil verlassen, um nach seinem Welpen zu schauen. Nach erfolgloser Suche stürmt er zu den Großeltern in den Wagen.

 

UWE MEIN HUND IST WEG.
ROSE Was?
GOETZ Wie?
UWE Mein Hund. Er ist weg.
ROSE Kann ja nicht sein. Bist du sicher?
GOETZ Ich hab meine Brille nicht auf. Wie viel Uhr ist es denn?
ROSE Halb sieben durch.
GOETZ Der kommt schon wieder. Wie gestern. Da war der doch plötzlich wieder da.
ROSE Der war ja nie weg.
UWE Ich hab überall gesucht.
GOETZ Auf dem ganzen Campingplatz?
UWE Ja.
GOETZ Und am See?
UWE Nein.
GOETZ Siehst du.
ROSE Aber alleine gehst du da jetzt nicht hin.
GOETZ

Kommst einfach in einer halben Stunde wieder.

 

Wenn der große Zeiger oben ist.

 

uwUwe verlässt den Wohnwagen. Man hört ihn draußen nach dem Welpen rufen.

 

ROSE Danke.
GOETZ Wofür?
ROSE Ich hätte das dann irgendwie doch nicht übers Herz gebracht.
GOETZ Wie?
ROSE Das mit dem Hund.
GOETZ Ich dachte, das warst du?
ROSE Was? Ich?
GOETZ Natürlich. So wie du den satt hattest.
ROSE Du bist doch nachts um das Wohnmobil geschlichen.
GOETZ Um den Hund zu beruhigen.

 

 

II 

 

Uwe, Rose und Goetz suchen im Wald nach dem Welpen. 

 

GOETZ

Guck auch schön in den Büschen und im Unterholz. Der ist ja so 

 

klein und grau. In Tarnfarbe praktisch. Eigentlich fast unmöglich zu finden.

UWE Der ist schwarz.
GOETZ Nein. Grau.
ROSE Ich würde sagen dunkelbraun.
GOETZ Was? Das ist ja ganz falsch. Der ist grau. Schluss. Aus.
UWE Er ist mein Hund. Er ist schwarz.
GOETZ Vielleicht kann er ja die Farbe wechseln. Ein Chamäleon.
ROSE

Oder es waren in Wirklichkeit mehrere Hunde. Alle mit drei Beinen.

 

Bei jedem fehlt vorne links eins.

GOETZ Vorne?
ROSE Ja. Sicher.
GOETZ Das hat doch hinten gefehlt. Oder nicht?
UWE Ich weiß nicht.
GOETZ

Kann ja nicht sein. War doch dein Hund. Musst du doch wissen,

 

wie dein Hund aussah. 

Das Handy klingelt. Rose nimmt es aus ihrer Tasche und drückt es Goetz in die Hand. Zu Goetz.

 

ROSE Du bist dran.

 

Goetz ins Handy:

 

GOETZ Ja?
 
  Moment. Ich geb sie dir.

 

Rose zu Goetz:

 

ROSE Bitte?!

 

Rose ins Handy:

 

ROSE Was denn?

  Kannst du nicht mit Goetz sprechen? Der freut sich auch.
 
  Doch. Sicher. Alles gut.
 
  Regen? Was denn für Regen?
 
  Hier ist Sonne und kein Regen.

 

Uwe bemerkt das Telefonat und sucht lautstark weiter nach dem Welpen. Er ist sich seiner Wirkung durchaus bewusst.

 

UWE Hund.
GOETZ Uwe, leise.
UWE HUND. – HUND.

 

Rose ins Handy:

 

ROSE Ja. Der schreit ein bisschen. Der spielt nur.

 

Uwe kommt Rose ein wenig näher. Mit einem leichten Grinsen in der Stimme ruft er weiter.

 

UWE HUND –

 

Rose bleibt seriös. Ins Handy:

 

ROSE

Kein Hund. Nein. hier ist kein Hund. Absolut nicht.

 

Zu Goetz: / Ins Handy:.

 

ROSE Der spielt mit Goetz.

 

Goetz versucht Uwe ein bisschen zu jagen und spricht dabei überdeutlich in Richtung Telefon. 

 

GOETZ Hier bin ich. Wuff.
UWE
GOETZ WUFF. WUFF. FANG MICH.

 

Rose ins Handy:

 

ROSE Aber vielleicht solltet ihr ihm einen Hund kaufen.
 
  Nur Spaß. Natürlich nicht. Stadtkind mit Stadthund. Wäre ja Quälerei.

  Also gut. Dann bis morgen. 
 
  Ja. Bis morgen.

 

Rose legt auf. Zu Uwe:

 

ROSE

Was sollte denn das, bitte? Du siehst doch, ich telefoniere.

 

Ausgerechnet jetzt fängst du damit an. 

UWE
ROSE Was grinst du denn so?
UWE
GOETZ

Du hast einfach keine Geduld. Aber keine Sorge.

 

Kann man lernen. Sogar du.

UWE Mein Hund hat nie gebellt. Nie. 
GOETZ Zieh die Gummistiefel an. Wir üben Warten.

 

 

III 

 

Uwe und Goetz sitzen am Steg. Goetz versucht seinem Enkel das Angeln beizubringen. 

 

UWE Das ist eklig.
GOETZ Nein. Das muss so sein. Spieß den auf.
UWE Ich kann nicht.
GOETZ Ohne Würmer beißen die nicht.
UWE Ich mag gar keinen Fisch.
GOETZ Ich auch nicht.
UWE Mein Hund ist weg und wir sitzen hier.
GOETZ

Ich mag auch keine Pilze und geh Pilze suchen. 

 

Man muss unterscheiden können, Uwe.

UWE Ich guck zu.
GOETZ Von mir aus. Guckst du eben. Dauert trotzdem.

 

Goetz wirft den Angelhaken ins Wasser. Er spricht ganz leise weiter.

 

GOETZ

Als ich in deinem Alter war, hab ich schießen gelernt.

 

Gut. Bisschen später vielleicht. Ich hab mich stundenlang ins Gras

 

gehockt und auf Vögel gewartet. Wenn man Glück hat und trifft,

 

fällt einer vom Himmel. Zack! Mein erster war eine Taube. –

 

Sind treue Tiere. Die suchen sich ja ein Leben lang keinen

 

neuen Partner mehr. 

UWE
GOETZ Aber man gewöhnt sich dran. Und jetzt bin ich zu alt. 
UWE Meinst du, er wurde erschossen?
GOETZ Ziemlich unwahrscheinlich.
UWE Oder sie haben ihn doch geholt?
GOETZ

Wer soll ihn denn geholt haben? Deine Wölfe etwa? Was denkst du

 

denn, wo wir sind hier? In der Taiga oder Tundra oder was? Der wird

 

vielleicht auch einfach nur einem Spaziergänger hinterher gelaufen sein.

UWE In der Nacht?
GOETZ

Was weiß ich. Vielleicht ist er auch einfach so weggelaufen.

 

Hatte keine Lust mehr. Ist doch möglich.

UWE Gar nicht wahr.
GOETZ Es war ja nicht mal richtig dein Hund. Du hast ihn weder in der  
  Zoohandlung noch im Tierheim gekauft.
UWE
GOETZ
UWE Hier sind gar keine Fische.
GOETZ Nein.
UWE
GOETZ

Also gut. Gehen wir. Hat ja keinen Sinn mehr. Ist schon Mittag durch.

 

Nachmittag. Herrgott. Und hörst du das?

UWE Was?
GOETZ Mein Magen.

 

 

IV 

 

Rose hat den Tisch neben dem Wohnmobil gedeckt. Der Grill ist angeheizt.

 

ROSE Ich hab gedacht, euch ist was passiert. Wo wart ihr denn so lange?
GOETZ Was soll hier schon passieren, Rose?
ROSE Das Kind muss doch sterben vor Hunger. – Wo ist der Fisch?
GOETZ Tja. Im See noch.
UWE Ein Tropfen.
ROSE Gibt es eben Würste von gestern. 
UWE Ich hab einen Tropfen abbekommen.
ROSE Tatsächlich.
UWE Wieder.
ROSE So was. Jetzt fängt es an.
GOETZ Der kleine Niesel. Das macht uns doch nichts aus. 

 

Regen, der ziemlich laut auf das Vordach des Wagens prasselt. Rose und Uwe räumen hastig ein paar Dinge in das Wohnmobil, um sie vor dem Regen zu schützen.

 

ROSE Schnell. Uwe, pack die Würste in den Korb. Ich nehme die Decke.

 

Der Regen wird zunehmend stärker.

 

GOETZ Hört gleich wieder auf. Kurzer Schauer. Ist doch warm.
ROSE In das Wohnmobil.
GOETZ Seh ich gar nicht ein. Das bisschen Regen. 
ROSE Bleibst du eben draußen.
GOETZ Bleib ich auch. Mir macht Wasser nämlich nichts aus. 

 

Rose und Uwe breiten die Lebensmittel aus dem Korb auf dem Bett aus. 

 

ROSE

Hier. Ein Brötchen. Ist mit Salami. Eine Wurst hab ich auch noch.

 

Lass es dir schmecken, Uwe. Wirst gleich wieder trocken sein.

 

Konnte ja keiner vorhersehen bei dem Sommerwetter.

UWE Danke.
ROSE Du hast ja mal einen gesunden Appetit. Wunderbar.
UWE
ROSE Aber schling nicht so.
UWE
ROSE Mach mal eine Pause.
UWE
ROSE
UWE In Wirklichkeit müssen wir gar nicht traurig sein.
ROSE Wie?
UWE

Mein Hund ist ein Wolf. Mein Hund ist ein Junge, der sich in

 

einen Wolf verwandelt hat. Seine Familie war sehr arm. Sie lebten

 

im Wald und es war Winter und sie hatten schrecklichen Hunger.

 

Also hat die Mutter den Jungen in den Wald geschickt. Er sollte sich

 

selber was zu essen suchen. Aber er wurde ganz müde vom Laufen

 

und schlief ein. Der Mond schien auf ihn. Und plötzlich wachte er auf

 

und es juckte ihn ganz schlimm. Überall waren Haare. Ein Fell. Er

 

wollte nach seiner Mutter rufen, aber er konnte nur noch knurren.

 

Der Junge wurde ein Wolf. Seitdem lebt er allein im Wald. Er isst Rehe

 

und Hasen und Vögel und Äpfel. Manchmal vermisst er die Menschen.

ROSE War das eine Gute-Nach-Geschichte?
UWE Nein. – Ich schlafe doch im Zelt.
ROSE

Aber es regnet. Das ist kalt und nass draußen.

 

Du kriegst einen Schnupfen. Oder noch schlimmer. 

UWE Gestern hab ich im Wagen geschlafen. 
ROSE Uwe –
UWE Da ist mein Wolf verschwunden.
ROSE

 

 

V

 

Goetz bringt Uwe ins Zelt. Noch immer strömender Regen.

 

GOETZ Ein Wolf?
UWE

Als er ganz jung war, ist er in eine Falle geraten. Für Füchse.

 

Da hat er seine Pfote verloren. Er war ganz schnell wieder gesund.

 

Aber sein Rudel hat ihn zurücklassen müssen, weil er war nicht

 

stark genug. Jetzt hat ihn seine Mutter wieder gefunden. Der Hund

 

ist ein Raubtier. Jetzt ist er wieder bei seinem Rudel. 

GOETZ Glaubst du, er kommt wieder, wenn du im Zelt schläfst?
UWE
GOETZ Rose macht sich Sorgen.
UWE Braucht sie nicht.
GOETZ Bist ein großer Junge.
UWE Schlaf gut.

 

 

VI 

 

Nachts. Im Wohnmobil. Die Großeltern schlafen. Regen fällt auf das Dach. 

 

ROSE Goetz. – Goetz? Wach auf. 
GOETZ
ROSE Hörst du das?
GOETZ Was?
ROSE Da ist wer draußen.
GOETZ Sei mal still.
ROSE
GOETZ Ich hör nichts. – Regen.
ROSE Doch. Ganz sicher. Da war was.
GOETZ Du träumst, Rose. Schlaf mal weiter.
ROSE Kannst du nachgucken, bitte.
GOETZ Jetzt fang du nicht auch noch an.
ROSE
GOETZ Ich geh ja.
ROSE Sei vorsichtig.

 

Goetz öffnet die Tür vom Wohnmobil. Es regnet in Strömen. Er tastet sich an den Gartenmöbeln entlang zum Zelt. Plötzlich steht der Welpe vor ihm. 

 

GOETZ ROSE. – DER HUND. ER IST WIEDER DA.

 

Der Welpe knurrt. Rose verlässt das Bett und folgt Goetz nach draußen.

 

ROSE Kann ja nicht sein.

 

Goetz öffnet das Zelt. Es ist leer.

 

GOETZ UWE IST WEG.
ROSE
GOETZ

Er liegt nicht im Zelt. Der verdammte Schlafsack ist noch warm.

 

Aber er ist nicht hier.

ROSE UWE –
GOETZ UWE. – UWE.
ROSE WO BIST DU?
GOETZ Hol die Taschenlampe. Ich sehe überhaupt nichts.
ROSE

Ein Feuer. Wir machen ein Feuer. Dann sieht er uns.

 

Oder Fackeln. Wir brauchen Signale.

GOETZ Bringt doch nichts bei dem Wetter.
ROSE UWE. – UUUUUWWWWWEEEEE. – UUUUUUWWWWWWEEEEEE. –

 

Der Welpe knurrt. Rose sucht im Wohnmobil nach der Taschenlampe. 

 

GOETZ Haust du ab, Hund. Verschwinde. – Aus. Aus. – Total aggressiv.  – Hau ab.

 

Rose kommt aus dem Wohnmobil. 

 

GOETZ Hast du die Lampe?
ROSE Ja, hier. Aber ohne Batterien. Die find ich nicht. 
GOETZ Bringt doch nichts. Bringt alles nichts.
ROSE Und jetzt?
GOETZ Wir warten bis die Sonne aufgeht.
ROSE Wir haben ihn verloren.
GOETZ
ROSE Dabei hatten wir ihn doch. 

 

 

VII

 

Ein sonniger Vormittag. Die Vögel zwitschern das erste Mal laut. Rose und Goetz packen die Campingmöbel in das Wohnmobil. Der Welpe springt mit in den Wagen. 

 

GOETZ Hast du alles?
ROSE Wir können fahren. Alles da.

 

Goetz startet den Motor. Das Wohnmobil fährt von der Lichtung auf den Waldweg. Später auf die asphaltierte Landstraße.

 

GOETZ Gibst du mir ein Brötchen, bitte?
ROSE Ist mit Käse.
GOETZ Ess ich nicht.
ROSE Leberwurst?
GOETZ Danke.

 

Es bleibt offen, ob der Junge mit im Wohnmobil ist oder nicht.

 

 

 


EPILOG

Die zwei Bäume vom Anfang.

 


1 Endlich. Ruhe.
2 Wenn nur das Pfeifen nicht wäre.
1 Hörst du das nicht?
2 Pfeien?
1 Hörst du das nicht?
2 Nein.